Vor 24 Jahren hörte ich von einem Bekannten von einer Gruppe, in der mit MDMA meditiert wurde. Bis dahin hatte ich erfolglos mit Therapie versucht, mein Gefühl von innerer Isolation und eingefroren sein aufzulösen. Da ich unbedingt zu einem anderen Lebensgefühl gelangen wollte, beschloss ich, mich dieser Gruppe anzuschliessen, trotz aller Angst, etwas Unerlaubtes zu tun, Drogen einzunehmen. Die ersten Erfahrungen waren ziemlich überwältigend, sie zeigten mir die Existenz von Räumen, die mir im Normalzustand verschlossen geblieben waren. Ich bekam eine Ahnung von der Existenz von etwas Grösserem, hinausgehend über mein kleines, ichbezogenes Leben. Darauf folgend begann ich mich mit Spiritualität zu beschäftigen und fand meine spirituellen Lehrer. Die Frage nach der Wahrheit hinter allem beschäftigte mich. Heute würde ich es so ausdrücken: ich war auf der Suche nach der Wirklichkeit. Das schloss auch das in mir Eingeschlossene, meine abgespaltenen Gefühle ein. Ich lernte, dass Befreiung u.a. bedeutet, sich seiner vergessenen schwierigen Gefühle wie Wut, Angst, Schmerz usw. wieder bewusst zu werden, sie zu fühlen, ihnen ganz Raum in mir zu geben, damit sie sich dann auflösen können. Dazu gehörte auch zu verstehen, dass mich neben der Familie auch Gesellschaft und Kultur geprägt, konditioniert hatten, was eine zusätzliche Einengung meiner inneren Freiheit bedeutete.

Die Psycholyse ist eine potente Therapieform, da sie sehr konfrontativ sein kann. Wenn man sich den Substanzen mit der Absicht stellt, ehrlichen Einblick nehmen zu wollen, gewähren sie einem den meistens auch. Ich stellte mich im Laufe der Jahre vielen vergessenen Gefühlen, die meine Lebendigkeit und meine Liebesfähigkeit eingeschränkt hatten. Es waren schmerzhafte und anstrengende Prozesse. Ich hatte viel mit meinen psychischen Abwehrmechanismen zu ringen, die den Durchbruch zu den ursprünglichen Gefühlen nicht zulassen wollten. Die Angst vor Kontrollverlust war zu gross. Die Erkenntnis, dass die Substanzen mich da nicht konfrontieren konnten, wo ich es absolut nicht wollte, hatte dann auch etwas Beruhigendes.

Neben den Konfrontationen haben mich die Substanzen manchmal auch mit visionären Erfahrungen und Einsichten beschenkt. Ein Hinausgehen über das Persönliche, das Ichbezogene. In einer vorübergehend völligen Herzöffnung z.B. konnte ich erkennen, wie bedeutungslos das ICH ist, dass es wie alles andere in der Liebe Platz hat, das Glück aber in der Beschäftigung damit nicht zu finden ist. Mitgefühl und Anteilnahme mit und an der Welt sind wesentlich erfüllender. Im Alltag hatte ich den Kontakt dazu dann oft wieder verloren. Aber die Erinnerung blieb und damit der Antrieb, diesen Zustand permanent in meinem Leben herzustellen, ein glücklicher, liebevoller und mitfühlender Mensch zu sein.

Heute habe ich mich weitgehend von den Schatten der Vergangenheit befreit. Der Tod ist mir kein Gegner mehr. Gefühle von Weite und Frieden erfüllen mich immer wieder. Die Zuneigung und Zuwendung zu Menschen und zum Menschsein ist gewachsen.

Ich bin dankbar für die Heilung, die ich mit Hilfe der Psycholyse erfahren habe.  Mein grösster Dank gilt allerdings den Menschen, die mich darin begleitet und unterstützt haben und sich damit der Kriminalisierung ausgesetzt haben. Ohne dieses Geschenk wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Angelika (67), im Ruhestand