Ein „Bekenntnis“ abzulegen, habe ich mir nach der Teilnahme an der qualitativen Befragung nun etwas länger Zeit gelassen. Denn: Was ist ein „Bekenntnis“ überhaupt? Um hierüber Klarheit zu erlangen, habe ich mich erst einmal mit den auf dieser Website bereits vorhandenen 56 Bekenntnissen auseinandergesetzt – und bin so klug als wie zuvor.

Als erstes assoziiere ich den Begriff des „Bekenntnisses“ mit dem Glaubensbekenntnis. Zudem würde ich ein Bekenntnis typischerweise unter meinem richtigen Namen ablegen und zu diesem Bekenntnis auch ohne Wenn und Aber stehen. Dies scheint ja gerade der Sinn der Sache und dem Wesen eines Bekenntnisses geradezu immanent zu sein.

Obwohl ich liebend gerne öffentlich zu Psychedelika stehen und sie und ihre Verwendung auch propagieren würde, verstecke ich mich umständehalber öffentlich bis auf weiteres hinter der Anonymität. Denn diese Substanzen und ihr Besitz sind in dem Land, in dem ich lebe, und jedem anderen, das ich bisher kenne, mit wenigen Ausnahmen verboten. Zudem scheint mir, dass ihr Gebrauch gesellschaftlich verpönt ist, besonders der rituelle Gebrauch von natürlichen, in Pflanzen enthaltenen entheogenen Substanzen. In der kleinbürgerlichen Gesellschaft wird man teils ja schräg angeschaut, wenn man nur schon in Sandalen und Flowerpower-Mode daher kommt. Was erst blühen mag, wenn man sich offen zu den Pflanzen der Götter bekennt? Schikanen? Diskriminierung? Ausgrenzung?

Deshalb leugne ich mein entsprechendes Involvement kategorisch ganz grundsätzlich allen Personen gegenüber, die nicht selber psychedelisch involviert sind (mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen: die Eltern wussten es schon, als ich 18 war, und ganz, ganz wenige weitere, selber nicht involvierte, aber persönlich nahe stehende Personen, die auf natürliche Weise davon erfahren bzw. deren Mitwissen zu unterdrücken unnatürlich und aufwändig und damit ungesund für die zwischenmenschliche Beziehung wäre, erfahren davon). Ach, was heisst hier leugnen?! Ich weiche präventiv aus, nutze meine Wortgewandtheit und Überlegenheit in Gesprächsführung, um ein Gespräch ganz diskret, ohne dass es das Gegenüber bemerkt, gar nicht erst sich dahin gehend entwickeln zu lassen, dass ich meine Liebe zu den Psychedelika leugnen müsste… Natürlich achte ich stets darauf, dass ich im Allgemeinen entsprechend seriös und gepflegt auftrete und wirke. Man nennt meine Taktik: denial and deception (nicht denialism!). Im Prinzip führe ich ein Doppelleben. Und zwar so professionell wie möglich.

Dass gerade Fantastika und ihr Gebrauch verpönt sind, während hingegen beispielsweise Kokain und Amphetamin in unserer Gesellschaft weitaus breiter akzeptiert sind und auch entsprechend häufiger konsumiert werden, selbst oder gerade „in besten Kreisen“, stimmt allerdings mit etlichen anderen unvorteilhaften Charakterzügen unserer Gesellschaft überein, entspricht durchaus ihrer Oberflächlichkeit und Ignoranz. Dabei macht Sex auf LSD viel mehr Spass als auf Koks… (aber jedem Tierchen sein Pläsierchen).

Unsere Gesellschaft tut sich ohnehin schwer mit Spiritualität. Sie ist da irgendwie verklemmt. Und wenn sie schon bei der Spiritualität klemmt, wie sollte sie denn da für Entheogene, wie Psychedelika in der entheogenen Verwendung auch genannt werden, offen sein? Bin ich nur paranoid oder trifft es zu, dass man als bekennender Praktiker entheogener Spiritualität Gefahr läuft, gesellschaftlich ins Abseits gedrängt zu werden, wenn man sich nicht vorsieht?

Aufgrund der kontroversen Stellung der Psychedelika erfolgt dieses Bekenntnis also erst einmal unter Pseudonym. Abgesehen davon gebe ich aber gerne ein Bekenntnis ab, im wahrsten Sinn des Wortes:

Meine spirituelle Praxis, die Ausdruck meines religiösen Lebens ist, erfordert den Umgang mit entheogene Substanzen natürlich enthaltenden Pflanzen. Denn diese meine Religion, über die mich ausser ihrer Bezeichnung als naturbasierten Pantheismus jedoch ausschweigen muss (als ihr Adept bin ich ja nicht automatisch autorisiert oder verpflichtet, mich inhaltlich zu ihr zu äussern oder gar zu missionieren), schliesst den Verkehr mit entsprechenden Pflanzen oder Substanzen als integrales Bestandteil der religiösen Praxis der Verbindung mit Gottnatur („ET nachhause telefonieren“) ein. Dieser meiner Religion gehöre ich als mündiger Mensch aus freier Überzeugung an; dem christlichen Glauben und der christlichen Gemeinschaft, meine spirituelle Wiege, bin ich aus ebenso freier Überzeugung entwachsen.

Das generelle, kompromisslose Verbot der entheogen wirksamen Pflanzen und Substanzen sowie ihres Anbaus, Besitzes und des Umgangs mit ihnen stellt eine schwerwiegende Unterdrückung der Religionsfreiheit und damit einen schwerwiegenden Verstoss gegen die Menschenrechte dar.

In der Folge bewirkt das Verbot auch die Unterdrückung der Persönlichkeit, und zwar in verschiedener Hinsicht. Nicht nur wird die (religiöse) Individuation unterdrückt. Auch das Sozialleben wird mittelbar unterdrückt. Daher sind die Folgen des generellen, kompromisslosen Verbots auch als schwerwiegend gesundheitsgefährdend einzustufen. Rechtlich manifestiert diese Gefährdung als Missachtung des Menschenrechts auf Gesundheit, das auch die psychische Gesundheit umfasst.

Aus dieser rechtlichen Warte ist das generelle, kompromisslose Verbot nicht haltbar, ja sogar faktisch nichtig. Dass Politik, Behörden und Justiz diesbezüglich uneinsichtig zu sein scheinen, ändert nichts daran, dass das Verbot selbst gegen höhere Gesetze verstösst und seine Umsetzung deshalb ganz klar illegal ist. Denn Religionsfreiheit und das Recht auf Persönlichkeit (letzteres gedeckt durch das Menschenrecht auf Gesundheit und Unversehrtheit) geht vor politisch-ökonomische Partikularinteressen. Basta.

Man könnte mir nun vorwerfen, dass ich rein legalistisch mit der Religionsfreiheit argumentiere, dass es mit der Religion bei mir in Tat und Wahrheit gar nicht so weit her sei, dass ich Religion nur deshalb bemühe, da ich einen gesellschaftlich halbwegs akzeptablen Vorwand suche, meinen Drogenkonsum zu scheinlegitimieren (wer mich persönlich lange und gut genug kennt und daher weiss, wie durchtrieben ich schon mal sein kann, könnte tatsächlich auf diesen Gedanken kommen, das gebe ich gerne zu, aber…). Auch an religiösem Wahn leide ich definitiv nicht, auch nicht substanzinduziert. Aber wir können es ganz sachlich und nüchtern, wissenschaftlich anschauen: alleine aufgrund der Überschneidung von Themen, die typische Domänen der Religionen sind, und der Themen, die im Rahmen spiritueller Erfahrungen mit Entheogenen bewusst und reflektiert werden, ist festzuhalten, dass entheogene Spiritualität Anspruch hat, als Ausdruck religiösen Lebens anerkannt und im Rahmen der Religionsfreiheit vor Verfolgung und Diskriminierung geschützt zu sein. Im Weiteren ist die heilende und insbesondere die seelenheilende Wirkung der Entheogene zu nennen, denn für Heilung steht jede mir bekannte Religion. In diesem Sinn ist auch die Psycholyse meiner Auffassung nach jederzeit de facto legal.

Gilt Religionsfreiheit nun auch für Substanzen, die nicht natürlich in Pflanzen dieser Welt vorkommen? Meiner Auffassung nach gilt sie für jede entheogen einsetzbare Substanz, auch für alle nur synthetisch herzustellenden Substanzen.

Welche Wirkungen sind sodann als entheogen zu bezeichnen, welche nicht? Ist MDMA schon ein Entheogen? Das liesse sich natürlich alles bis ins letzte Detail diskutieren. Jedenfalls ist meiner Ansicht nach auch MDMA zur entheogenen Verwendung geeignet.

Grundsätzlich ist aber jede Substanz für den spirituellen Gebrauch geeignet, wenn ihre Wirkung in spirituellem Sinn Sinn ergibt, auch nicht streng entheogen wirkende Substanzen. Im Rahmen der Religionsfreiheit zugänglich sein müssen für den spirituellen Gebrauch geeignete Substanzen dann, wenn ihre spirituelle Verwendung ohne weiteres als authentischer Ausdruck religiösen Lebens aus freier Überzeugung der betreffenden spirituellen Praktikerin oder des betreffenden spirituellen Praktikers entsteht. Punkt. Dies ist mein Verhandlungsstandpunkt gegenüber Politik, Behörden und Justiz.

Cosmic B. (42), Administrativer Mitarbeiter