Die Wirklichkeit ist komplex, und das Leben ist es auch. Ebenso vielschichtig ist die breit gefächerte Wirkung von Psychedelika wie LSD, Psilocybin, Ayahuasca, MDMA etc., welche den Konsumenten dieser bewusstseinsverändernden Mittel genau mit jener Komplexität konfrontiert und damit vor die Frage stellt, wie er damit umgehen muss.

Fragen wie diese waren Gegenstand des Entheo-Science Kongresses 2016 in Berlin am letzten Wochenende. Straff und professionell von Joe Schraube und seinem Team organisiert, hatten sich im Essentis Biohotel in Berlin-Köpenick 320 interessierte Menschen eingefunden, um sich einen Überblick über ein Phänomen zu verschaffen, mit welchem die Menschheit seit ein paar Jahrzehnten in steigendem Maße konfrontiert ist. Psychonauten, Neo-Schamanen, Wissenschaftler, Untergrundtherapeuten- und patienten, Festival- und Partygänger lauschten den interessanten und inspirierenden Vorträgen, mit denen die Referenten das Thema aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten. Insgesamt herrschte eine neugierige und offene Stimmung, getragen von einem durch die jüngste Renaissance in Sachen Psychedelika wieder entflammten Aufbruchsgeist. Man kann sich sicherlich zu der Behauptung hinreißen lassen, dass dieses Feld zur Avantgarde der Selbsterforschung gehört, und dass die Erforschung der Wirkung dieser Substanzen auf das menschliche Bewusstsein zu den spannendsten Beschäftigungen gehört, die dieser Planet zur Zeit zu bieten hat.

Und so schienen die dort versammelten Kongressteilnehmer ernsthaft um ein solides Verständnis darum bemüht, womit sie es in diesem uneinheitlichen Feld überhaupt zu tun haben. Es wurde analysiert, kategorisiert, integriert und abgegrenzt. Vertreter der verschiedenen Stränge innerhalb der gesamten Bewegung kamen zu Wort, und man sprang von Vortrag zu Vortrag, von Raum zu Raum, um sich in dem dreifach parallel getakteten Veranstaltungsmarathon einen individuellen Erzählstrang zu flechten. Hier und da wurde auch mal gestritten und gegeneinander ausgeteilt. Der langjährige schwelende Konflikt zwischen dem wissenschaftlichen Lager und den Vertretern der SÄPT (Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie) auf der einen, und dem Untergrundsegment rund um den teils umstrittenen Psycholyse-Pionier Dr. Samuel Widmer (Schweiz) auf der anderen Seite, stach immer mal wieder durch. Nicht hinterfragte Vorurteile und Gruppenbias gab es wie so oft in solchen Auseinandersetzungen auch hier auf beiden Seiten. Zu unterschiedlich erschienen manche Positionen, und am Ende wusste man manchmal gar nicht, ob die verschiedenen Lager überhaupt vom Selben reden. Klar wurde nur: Gurus und herausragende Figuren mit Reibungspotenzial gibt es hier wie dort.

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Doch einige wichtige Fragen, die der Kongress eigentlich beantworten wollte, blieben am Ende vorerst offen: Wie geht es in Zukunft konkret weiter? Können die verschiedenen Stränge überhaupt zusammenfinden und sogar einander nützlich sein? Können sie ihre Kräfte bündeln für eine Gesellschaft, in der Psychedelika einen anerkannten Platz und Nutzen zum Wohlergehen der Menschen haben? Dabei ist die Frage nach dem Nutzen jener Substanzen ebenso vielschichtig wie die Frage, welchen Sinn das Leben selbst hat. Und weil dies wohl nie wirklich zufriedenstellend und objektiv beantwortet werden kann, wäre es vielleicht sinnvoller zu fragen, welche Bedeutung man selbst diesen Mitteln geben kann. Die verstreute Szene in ihre verschiedenen Anteile zu zerlegen, um sich so einem Verständnis des Phänomens anzunähern, war einer der Ansätze auf diesem Kongress. Dabei stellt sich aber die Frage, ob man mit dieser reduktionistischen Brille nicht aus dem Auge verliert, was die verschiedenen Stränge in der Tiefe verbindet. Die gesamte Bewegung des Lebens in unterschiedliche Bestandteile aufzutrennen, in Einzelteile zu zerlegen, um diese wiederum isoliert zu betrachten und zu verstehen, birgt das Risiko, dass wichtige Informationen verloren gehen. Ein isolierter Teil kann schließlich ohne seine Beziehung zum Ganzen nicht vollständig verstanden werden. Leben ist eben Beziehung.

Aber was heißt dies nun für die bestehende Vielfältigkeit und Diversifizierung der psychedelischen Bewegung? Existiert diese überhaupt? Ich denke schon. Sie ist sich vielleicht noch nicht in allen Ecken gänzlich darüber bewusst. Und je nachdem, in welchem Kontext Psychedelika auftauchen und konsumiert werden, werden die Antworten auf die gestellten Fragen sicher andere sein. Ob auf dem Festival oder auf der Therapiecouch, ob im Labor oder im Dschungel – die Betroffenen müssen herausfinden, wie sie mit diesen Substanzen umgehen müssen, um ihrem jeweiligen Anliegen sinnvoll zu nutzen und nicht zu schaden. Jeder Strang in dieser Bewegung, ja sogar jede Faser muss darauf eine ihm gemäße Antwort finden. Und je nach Einzelfall, je nach Umgebungsbedingung, je nach Substanz wird dabei eine andere Antwort herauskommen.
Für das wissenschaftliche Lager bedeutet dies neben der Generierung finanzieller und personeller Ressourcen auch die Frage, wie man die Arbeit mit Psychedelika in den Mainstream der Psychotherapie einpflegen kann. Wie dieses Anliegen langfristig gelingen kann, bleibt abzuwarten. Hier werden sicherlich innerhalb der nächsten Jahre entscheidende Impulse aus den USA zu erwarten sein, wo man schon länger mit viel Energie und Aufwand zusammen mit den Behörden an einer Zulassung von MDMA für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung arbeitet. Gleichzeitig kann man vor dem Hintergrund des enormen Wirkspektrums der Psychedelika erwarten, dass ihre Zulassung für die Therapie auch eine Herausforderung für die etablierten Psychotherapiemodelle sein wird. Für die Verwendung im Untergrund wird diese Sinnsuche wahrscheinlich weiterhin innerhalb des etablierten Dreiecks von Aufklärung, Safer Use und Prävention stattfinden.
Die zentralen Leitfragen für jeden Strang werden sich hingegen nur wenig unterscheiden: Welches Ziel wird mit der Einnahme von Psychedelika jeweils angestrebt, und welche inneren und äußeren Rahmenbedingungen sind für dieses Vorhaben hilfreich oder schädlich? Welche Wirkung haben die verschiedenen Mittel, was lösen sie in einem aus, und wie bringt man die gemachte Erfahrung und gewonnenen Erkenntnisse mit dem eigenen Alltagsleben unter einen Hut?

Unter einen Hut zu bringen ist dieses bunte und teils chaotische Feld zur Zeit sicher nicht. Zumindest nicht an der Oberfläche. Wenn man herausfinden will, was die ganze Bewegung wirklich im Innersten zusammenhält, dann müsste man aus meiner Sicht zunächst einmal innehalten und in tiefere Gefilde eintauchen. Die Beschäftigung mit bunten Optics, philosophischen, strategischen oder kategorialen Fragen von Zielsetzungen oder Zugehörigkeiten, und auch die zweifelsfrei wichtigen Fragen nach Professionalisierung, Legalisierung oder Drogenmündigkeit müssten eine Zeit lang ruhen und mit den Gehirnscannern auf Standby gehen. Man müsste die Ebene von kindlichem und chaotischem Protest ebenso verlassen, wie die der ehrgeizigen und überspannten Bestrebungen nach fachlicher und gesellschaftlicher Anerkennung. Zumindest für einen Moment, für eine Weile müsste man all dies beiseite legen, damit man überhaupt in die Tiefe schauen kann. Denn diese Fragen, seien sie noch so wichtig, können nicht offenbaren, was die verschiedenen Teilbewegungen wirklich verbindet. Sie werden nur aufzeigen, worin sie sich unterscheiden.

Wir alle wissen doch eigentlich, was wir in der Tiefe, in unserem Innersten vorfinden, oder nicht? Oder muss man es noch sagen? Vielleicht wäre ein Flüstern geeigneter, um diese Worte in die Welt zu tragen: Einheit, Stille, Liebe, Verbundenheit, Wahrheit, Demut, Gnade, Mitgefühl, Intelligenz, Kraft etc. Natürlich haben diese Aspekte unserer Innenwelt nichts mit Psychedelika zu tun. Diese können lediglich dabei helfen, sich für diese Räume zu öffnen. Doch der Weg dorthin ist steinig, und vielleicht gelingt es nicht jedem, bis dorthin vorzudringen. Vielleicht scheitert man an der zerklüfteten Oberfläche, vielleicht bleibt man im Streit der Meinungen und Abgrenzungsbestrebungen oder in psychedelischen Phantasmen stecken. Aber vielleicht kann es trotzdem gelingen, sich dieser Frage zu öffnen, eine Absicht in sich aufzubauen, damit der Durchbruch nach innen, in die tieferen Schichten des Bewusstseins, gelingen kann. Denn das wäre die Voraussetzung für die Entfaltung einer wirklich verbindenden Kraft, die diese Bewegung braucht.
Die freigewordenen Kräfte wiederum wären nötig, um die notwendigen Ressourcen zu schaffen für die weitere Entwicklung von sowohl persönlicher und struktureller Vernetzung, als auch von Forschung und Prävention. Die endlosen Konflikte kämen vielleicht einmal zur Ruhe. Stattdessen würde man sich bemühen, natürliche Differenzen anmutig auszufechten, damit sich eine kreative und heilsame Kraft aus dem Herzen mit seinen einenden und verbindenden Qualitäten entfalten kann. 

Die Vision einer solchen Einheit ist natürlich nur eine schöne Utopie. Und solche Worte werden nicht an jeder Ecke der psychedelischen Familie einen positiven Widerhall finden. Vielleicht werden sie an manchen Stellen zu noch mehr Abgrenzung führen, als dies bisher schon der Fall ist. Sollte ich daher lieber schweigen? Sollte ich das, was ich da zu sehen glaube, lieber um des lieben Frieden Willens in mir unterdrücken? Das wäre dann wie in einer dysfunktionalen Familie, wo man einfach nicht sagen darf, was man denkt, und wo man die Tabus wirklich nicht ansprechen darf. Und die ausgeprägteste Form der Tabuisierung ist in meinen Augen die völlige Verkennung ihres Vorhandenseins.
Tabus werden geboren aus unbewusster Angst. Sie sollen unser Zusammenleben regeln, und doch zerstören sie es. Liebe ist ein Tabu, die Erforschung unseres Bewusstseins ist ein Tabu, und auch das in Frage stellen unseres Besitzdenkens und der Tod sind es. Und wenn man sich von der Pseudoaufgeklärtheit und Sexualisierung unserer Gesellschaft nicht blenden lässt, dann erkennt man auch die nach wie vor vorhandene Tabuisierung dieser ursprünglichen und unschuldigen Kraft, die sich nicht an konditionierte Beziehungsmodelle hält.

Sicher gilt dies nicht für jeden, vor allem nicht für manche privilegierte und gut situierte Bewusstseinsavantgardisten. Aber die meisten Menschen wollen sich damit eher nicht substanziell auseinandersetzen, obwohl die Klatsch-spalten und Boulevardreportagen über letztlich nichts anderes berichten. Selbst wenn für „Lieschen Müller“ eine Therapie mit Psychedelika gerade noch angehen mag, wenn man es ihr in der Apothekenumschau geduldig erläutert – gründliche Selbsterkenntnis, das Aufdecken all jener schwierigen Themen oder gar mystische Erfahrungen gehören einfach (noch?) nicht zu unserer westlich-mechanistischen Kultur und werden häufig bestenfalls mit einem spöttischen Lächeln quittiert. Eher muss man mit manifestem Widerstand gegen solche Beschäftigungen rechnen. Daran kann auch eine pfiffige Sprachregelung kaum etwas ändern. Ob wir es nun Psycholyse nennen, substanzgestützte Therapie oder psychedelische Selbsterfahrung, im Kern berühren Psychedelika – oder Entheogene – immer auch etwas Unbekanntes und Mystisches, bringen Unbewusstes und Verdrängtes an die Oberfläche, öffnen Tore und Pforten zu Himmel und Hölle – ob auf dem Festivalgelände oder der Therapiecouch, in Wissenschaft oder Untergrund. Und das ist so oder so nicht jedermanns Sache.

Die am letzen Wochenende an diesem Kongress beteiligten Menschen werden es aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso nicht mehr erleben: die „psychedelische Gesellschaft“. Eine Gesellschaft, in der Psychedelika einen natürlichen Platz – vielleicht am Rand in einer Nische, vielleicht näher an der Mitte – einnehmen, um uns zu helfen, ein gesundes und glückliches Leben miteinander zu leben. Und dies kann es für den Einzelnen nicht vollumfänglich geben, solange es noch soviel psychisches und physisches Elend gibt auf diesem Planeten. Heute können wir vielleicht nur den Grundstein legen, die Basisarbeit tun, die Wege bahnen und die Saat streuen. Und dies tun wir wohl vor allem für die,  die nach uns kommen werden.

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Vortrag von Christoph Kahse auf dem Entheo-Science Kongress: Psycholyse als Werkzeug der Liebe (PDF)