Positionspapier der Psychedelischen Gesellschaft Deutschland e.V.

von | Apr 12, 2017

Die Psychedelische Gesellschaft Deutschland e.v. (PGD) ist seit dem 30.03.2017 ein eingetragener Verein mit Vereinsnummer im Registergericht. Ihre Tätigkeit ist seit Beginn ihres Bestehens inhaltlich und rechtlich klar umrissen. Neben der Bereitstellung einer Online-Plattform umfasst diese auch die Beratung von Menschen, die eigenverantwortlich und im privaten Rahmen psychedelische Erfahrungen gemacht haben und nach Unterstützung suchen, ihre Erfahrungen im Nachhinein besser zu verstehen und in ihr Leben zu integrieren. Zentrale Leitfragen einer solchen Beratung sind, ob den Anwendern unter Berücksichtigung sowohl psychischer als auch körperlicher Bedingungen ihr Verhalten grundsätzlich gut tut und einem nach ihren persönlichen Werten gelebten Leben zu- oder abträglich ist. Wir geben der Konsumkompetenz dem naiven Gebrauch solcher hochpotenten Mittel den Vorrang und halten sowohl den Mangel an Informationen und Sachkenntnis über den Konsum von Psychedelika und Entaktogenen als auch die fehlende Kenntnis über die Notwendigkeit einer rituellen Gestaltung des Rahmens und der Integration solcher Erfahrungen für einen signifikanten Risikofaktor für gesundheitliche Folgeschäden, dem sowohl durch aufklärende und informierende Vorbereitung als auch durch fachkundige integrative Nacharbeit begegnet werden muss (vgl. Jungaberle 2006). Daneben steht unser Beratungsangebot auch Therapeuten offen, die den inneren Erfahrungsräumen von Klienten, welche psycholytische Erfahrungen gemacht haben, mit mehr Verständnis und Offenheit begegnen wollen. Auf den Uni-Veranstaltungen des vergangenen Jahres warben wir in Zusammenarbeit mit Peter Jarek dafür, dass sich angehende Wissenschaftler für die ernsthafte Erforschung psychoaktiver Substanzen zu interessieren beginnen. Weder sprechen wir uns im Rahmen unserer Tätigkeit für den Konsum illegaler Substanzen aus, noch raten wir zur Übertretung gesetzlicher Vorgaben im Zusammenhang mit den geltenden Arznei- und Betäubungsmittelgesetzen.

Grundlagen und Rahmenbedingungen der psycholytischen Therapie

Nach Auffassung der PGD sollten theoretische und praktische Grundlagen der psycholytischen Therapie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und einer empirischen Überprüfung zugänglich sein. Dazu gehört auch die Erforschung von Heileffekten von aus allgemeiner Sicht unwissenschaftlichen schamanistischen Praktiken. Dass die Forschung dazu in den letzten Jahren wieder in Gang gekommen ist, sehen wir als ausgesprochen positiv. Obwohl mittlerweile Behandlungen von Depressionen mit Ketamin z.B. an der Berliner Charité durchgeführt werden, stellt die psycholytische Therapie bisher ein spezielles Randphänomen dar. Daher sticht zumindest im deutschsprachigen Raum das Wirken des Schweizer Arztes Dr. Samuel Widmer verständlicherweise besonders ins Auge, international werden seine Ansichten kaum zur Kenntnis genommen. Bezogen auf diese Methode gibt es auch keine „reine Lehre“, und wie bei allen psychotherapeutischen Strömungen wird sich auch bei dieser erst noch zeigen, was sich als brauchbar herausstellt und was verworfen werden kann – und muss. Widmers Arbeiten und Ansichten können – wenn überhaupt – erst in Zukunft Gegenstand neuerer wissenschaftlicher Betrachtungen und empirischer Überprüfungen sein. Aus therapietheoretischer Sicht als wertvoll ordnen wir das tiefenpsychologische Schichten- oder Kernschalenmodell ein, welches 1989 erstmalig in dem Buch „Ins Herz der Dinge lauschen“ vorgestellt wurde und was man als Kernstück der Persönlichkeits- und Psychotherapietheorie Widmers verstehen kann. Einige dessen grundlegenden Mechanismen spiegeln sich in den Konzepten der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) nach Hayes et al. wieder, wie z.B. „primäres und sekundäres Leid“, „Defusion“, „Erlebnisbereitschaft“, „Selbst als Kontext“, „Werteorientierung“ etc., was man als einen Hinweis auf die Validität gewisser dynamischer Aspekte des Schichtenmodells betrachten könnte. Die Entwicklung aktualisierter theoretischer Modelle für die psycholytische Therapie sind Gegenstand internationaler Forschungsbemühungen. Die therapeutische Beziehungsgestaltung als auch die transdiagnostische und metakognitive Herangehensweise der ACT weisen nach unserer Auffassung ebenso wie andere Verfahren der dritten Welle der kognitiven Verhaltenstherapie potentielle Synergien mit der psycholytischen Therapie auf und könnten für diese ein wertvolles Rahmenwerk darstellen. Wir erfuhren in einem Gespräch mit Prof. Steven Hayes, dass es bereits eine kleine Gruppe von ACT Therapeuten gibt, die sich diesem Thema zugewandt hat. Ein Vertreter dieser Auffassung ist z.B. Prof. Dr. Zach Walsh (Department of Psychology, University of British Columbia), der in seinen Vorträgen über dieses Thema referiert.

Psycholyse und Sexualität

Sexualität oder Tantra spielen keine genuin herausgehobene Rolle bei der Selbsterfahrung mit psychoaktiven Stoffen. Sexuelle Themen und Probleme können allerdings sehr wohl auf psycholytischen Selbsterfahrungen zum Thema für den Anwender werden: Ängste, Scham, Verbote – und schlimmer: Traumatisierungen durch Missbrauch etc. Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn die Wirkung der Substanzen solche Themen aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein bringt und sie dadurch einer Bearbeitung und Heilung zugänglich werden. Einmal mehr wird an dieser Stelle deutlich, wie wichtig eine einfühlsame und kundige Begleitung für solche Prozesse ist und wie verantwortungslos und auch gefährlich der unbedachte Konsum von Psychedelika sein kann. Eine anekdotische aber detaillierte Schilderung über ein derartiges Geschehen findet sich in diesem Artikel.

Die freigesetzten Energien und Kräfte der Substanzwirkung kann die sexuellen Impulse und Anziehungskräfte der Benutzer anregen, von daher ist es hilfreich, wenn die Anwender den Umgang mit diesen Phänomenen im Vorfeld miteinander abklären, damit es später nicht zu Unstimmigkeiten kommt. Sehr wohl benutzen manche Menschen bestimmte Substanzen zur Steigerung des Lusterlebens auch als „Sex-Drugs“, was aber mit der psycholytischen Methode selbst nichts zu tun hat. Darüber hinaus wurden die Potenziale von Entheogenen im Zusammenhang mit Sexualität in vielen Schriften behandelt (vgl. Metzner 2017, Kapitel „Sexualität und Entheogene“). Ein weiterer Zusammenhang ergibt sich aus dem spirituellen Charakter mancher psychedelischer Erfahrungen (Grof 2015, S. 171 f.), und es existieren neuropsychologische Befunde, dass in spirituellen Intensiverfahrungen die gleichen Gehirnregionen verstärkt aktiv sind, wie bei sexueller Erregung (Bucher 2013, S. 22).

Therapeutische Haltung und Interventionen im Rahmen psycholytischer Sitzungen

Psychedelika wie z.B. LSD können bei den Anwendern zu einer erhöhten Beeinflussbarkeit führen, während sie unter dem Einfluss der Substanz stehen (Carhart-Harris 2015). Dies macht diese Mittel zwar überhaupt erst zu einer psychotherapeutisch nutzbaren Substanz, weil es bei allen psychotherapeutischen Interventionen immer um eine Beeinflussung des Klienten durch den Therapeuten oder die angewandte Technik geht. Dies erfordert aber auch eine entsprechend vorsichtige und bewusste Haltung bei jeglicher Interaktion mit Menschen unter Substanzeinfluss. Alle Interventionen sollen auf das innere Erleben des Betroffenen abgestimmt sein, dieses soll im Vordergrund stehen und nicht gestört, geschweige denn manipuliert werden. Längere oder unangemessen beeinflussende Gespräche sind daher nicht Gegenstand üblicher Verhaltensweisen in diesem Rahmen. Minimale verbale Interventionen können dennoch in gewissen Situationen hilfreich und angebracht sein, solange es den persönlichen inneren Prozess des Anwenders unterstützt (Oehen 2013).

Entheogene Substanzen können eine Reihe von mitunter unangenehmen Effekten auslösen, die mit der Bewusstwerdung von unbewusstem Material wie abgewehrten oder verdrängten Bewusstseinsinhalten zusammenhängen. Dieser Prozess kann von Ängsten und Widerstand begleitet sein und sein Verlauf hängt in hohem Maße vom jeweiligen Störungsbild und psychologischen Zustand des Betroffenen ab. Begriffe und Konzepte wie „Widerstand“ oder „Störung des Klienten“ sind dennoch in bestimmter Hinsicht kritisch zu sehen. Zunächst muss man grundsätzlich unterscheiden zwischen klinischem und wissenschaftlichem Sprachgebrauch, beides sollte nicht vermengt werden. Derartige Begriffe haben für Außenstehende eine abwertende und verletzende Konnotation, und es ist anzunehmen, das sich eine weniger pathologisierende Haltung eher positiv auf die Beziehungsqualität zwischen Klient und Therapeut auswirkt. Eine freundschaftliche Haltung auf Augenhöhe kann man zudem insgesamt für den therapeutischen Prozess als zuträglich ansehen (vgl. Hayes 2014, S. 181 ff.), salopp-freundschaftliche Gepflogenheiten dagegen nicht. Statt also von „gestörten Menschen“ sollte eher von psychologischen Prozessen ausgegangen werden, welche bei allen Menschen genuin vorhanden sind und je nach ihrer jeweiligen Qualität mehr oder weniger günstige oder auch pathologische Erlebens- und Verhaltensweisen der Betroffenen nach sich ziehen. Dazu gehört u.a. der Prozess der sog. Erlebnisvermeidung und es ist völlig normal, wenn es Menschen mitunter schwerfällt, sich unangenehmen oder gar schmerzhaften Emotionen, Gedanken oder Erinnerungen zu stellen, da unterschiedet sich die Psycholyse nicht von anderen Therapien – oder dem Leben selbst. Um Menschen zu unterstützen, sich in einer selbstbestimmten Entscheidung ihrem inneren Erleben in einer offenen und annehmenden Haltung anzunähern, sollte die gezielte Förderung von Erlebnisbereitschaft mithilfe von Akzeptanz- und Achtsamkeitsstrategien im Vordergrund stehen. Ohne eine solche Bereitschaft wäre es nicht hilfreich, sondern sogar schädlich, sich einem derart mitunter schwierigen Prozess auszusetzen. Solche basalen therapeutischen Grundprinzipien der Selbstbestimmung gelten für jede Therapieform und deren Einhaltung ist absolut selbstverständlich und notwendig.

Sexuelle Beziehungen in asymmetrischen Beziehungen, wie man sie in einer Therapiesituation vorfindet, sind nach Auffassung der PGD unabhängig vom angewandten therapeutischen Verfahren gänzlich unangebracht und als schädliches und missbräuchliches Verhalten abzulehnen. Darüber hinaus gelten für alle psychotherapeutischen Situationen die allgemein gültigen Standesregeln bezüglich der Beziehungsgestaltung zwischen Therapeut und Klient. Aber gerade auch im Kontext selbst angeleiteter Psycholysesitzungen im privaten Rahmen ist ein vorsichtiger und respektvoller Umgang und eine klare gegenseitige Absprache zwischen den Beteiligten über das angeraten, was in dem Ritual jeweils stattfinden soll und darf.

Körperliche und psychische Nebenwirkungen

Auf einer psycholytischen Erfahrung unter kontrollierten Rahmenbedingung können während der Wirkzeit sicher dosierter entheogener Stoffe diverse körperliche Veränderungen wie z.B. Erhöhung von Blutdruck und Herzfrequenz oder auch Schwankungen der Körpertemperatur beobachtet werden (Oehen 2013). Kopfweh kann wie Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit ebenfalls auftreten, und manchmal kommt es zu kurzfristiger Übelkeit (selten Erbrechen) oder Schwindelgefühlen (Möckel Graber 2010, S. 112 f.). Das Geschehen kann mitunter von psychosomatisch bedingten Körpersensationen mit unterschiedlicher Intensität (z.B. Druck- oder Schmerzgefühle, Beengung etc.) begleitet sein. So genannte Serious Adverse Events (SAEs) während der klinischen Tests mit MDMA beispielsweise wurden bisher selten beobachtet und waren nicht lebensbedrohlich. In über 1.133 Fällen traten keine unerwarteten SAEs auf (Danforth 2016).

Menschen mit den in den Kontraindikationen benannten schwerwiegenden körperlichen und psychischen Erkrankungen (s.u.) sollten von einer Psycholyse grundsätzlich absehen. Das jeweilige persönliche Risiko, durch die Einnahme psychoaktiver Substanzen gesundheitliche Schäden zu erlangen, sollte im Vorfeld idealerweise durch eine entsprechende ärztliche Untersuchung abgeklärt werden. Dies gilt sowohl für die klinische Anwendung als auch für den privaten Gebrauch. Zudem können zeitweise starke Emotionen wie z.B. Angst oder (bei geringer Dosierung eher selten) auch Desorientierung auftreten. Eine einfühlsame Haltung und eine therapeutisch fachkundige Interventionsbereitschaft, die solchen Phänomenen z.B. mit Körperarbeit wie Halten, Wiegen oder sanfter Berührung unterstützend begegnet, kann dabei ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Diesen Zuständen gemeinsam ist ein passagerer Charakter, also das zeitliche Abklingen der entsprechenden Phänomene spätestens mit dem Nachlassen der Substanzwirkung. Aber auch, wenn der psychologische Hintergrund, welcher aus den jeweiligen schmerzhaften und schwierigen Emotionen und den damit verbundenen Erlebnisräumen und Themen besteht, integriert ist, lassen solche Symptome in der Regel nach und tauchen auch auf späteren Sitzungen nicht mehr in der gleichen Form oder Intensität auf (vgl. Grof 2014, S.262 ff.; Widmer 1989, S. 267 ff.). Für den Verlauf psycholytischer Therapien gibt es allerdings keine aktuellen Studien, die eine solche Behandlung über einen längeren Zeitraum untersucht hätten. Eine intensive spirituelle Erfahrung z.B. unter Psilocybin kann allerdings langanhaltende positive Veränderungen der Persönlichkeit bewirken (Bogenschutz 2015).

Schwerwiegende körperliche Schädigungen, welche ursächlich auf den Konsum von Psychedelika oder Entaktogenen im Rahmen einer lege Artis durchgeführten psycholytischen Sitzung in einem kontrollierten Setting zurückgeführt werden könnten, gehören nach bisherigem Kenntnisstand allerdings nicht zu den generell erwartbaren Komplikationen. Wäre dies so, gäbe es wohl kaum eine internationale Renaissance der psychedelischen Forschung und hätte es auch seinerzeit in der Schweiz keine Bewilligung vom BAG dafür gegeben. Neuere Studien konnten zudem zeigen, dass die Arbeit mit psychoaktiven Stoffen unter kontrollierten Bedingungen sicher durchgeführt werden kann und dass sich nachhaltig positive Effekte bei den Probanden zeigen (Oehen 2013). Weitere Forschung ist aber unabdingbar. Grundsätzlich ist im Falle einer behandlungsbedürftigen körperlichen Erkrankung während des Gebrauchs entheogener Substanzen, wie in jedem anderen Kontext auch, unbedingt ein Arzt hinzuzuziehen bzw. sind ärztliche Maßnahmen umgehend einzuleiten (Möckel Graber 2010, S. 113 f.). Weitere Informationen über Indikationen und Kontraindikationen finden sich auf unserer Webseite unter dem Punkt Informationen.

Die historische, gesellschaftliche und politische Situation der Psycholyse

Die Anwendungsbereiche von Entheogenen stellen insgesamt ein sehr komplexes und für die meisten Menschen eher unbekanntes Terrain dar. Wir sprechen hier über neue und unbekannte Phänomene, für die wir kaum eine gemeinsame Sprache und noch weniger allseits akzeptierte Erklärungen haben, und heutzutage können nur wenige Menschen auf einen geeigneten gedanklichen Interpretationsrahmen und hilfreiche Verhaltensweisen zurückgreifen, um psychedelische Erfahrungen zu einem gesunden Teil des eigenen Lebens zu machen (vgl. Jungaberle 2006). Die Situation zur Psycholyse in Deutschland erleben wir als ausgesprochen zwiespältig und ungünstig. Die Todesfälle in Berlin, die Entgleisungen in Handeloh und das schwer überprüfbare, dafür umso mehr mit Vorurteilen und Diffamierungen aufgeladene Gerede über Samuel Widmer machen es immer wieder schwer, einen wohlwollenden Sockel für eine offene Diskussion zu etablieren und die häufig vorherrschende ablehnende Haltung aufzuweichen. Auf der anderen Seite gibt es die neu gegründete mind-foundation in Berlin, die sich für die wissenschaftliche Erforschung substanzgestützter Therapien stark macht und hierfür eine Stiftung ins Leben gerufen hat. Daneben gibt es in einigen Städten sogenannte Psychedelische Salons, in welchen der Umgang mit Entheogenen auf vielfältige Weise thematisiert wird. Psychedelische Gesellschaften gibt es weltweit, Deutschland alleine hat zwei (eine davon in Berlin). Fakt ist, dass viele Menschen weltweit diese Substanzen konsumieren zum Zwecke der Selbsterfahrung, (Selbst-)Therapie oder zum Vergnügen. Allein der Ayahuascakult ist in Europa in den letzten Jahren förmlich explodiert und bildet mittlerweile einen ganz eigenen subkulturellen Strang in der entheogenen Szene. Ayahuasca ist ein Teegebräu aus DMT-haltigen und MAO-Hemmer-haltigen Pflanzenbestandteilen und wohl die bei weitem stärkste bekannte psychoaktive Substanz. Die extremen Körperphänomene, die sie hervorrufen kann, sind zudem wesentlich stärker und intensiver, als bei jeder anderen Substanz, die wir bisher kennen. Und auch für diese Substanz gibt es bereits Hinweise z.B. auf heilsame Effekte bei Suchterkrankungen (dos Santos, 2016).

Mit dem kontrollierten Gebrauch psychoaktiver Substanzen sollte unsere Gesellschaft nach unserer Auffassung einen hilfreichen und interessierten statt undifferenziert ablehnenden und vorverurteilenden Umgang finden, um gefährliche Fehlentwicklungen zu vermeiden. Deutschland ist drogenpolitisch ohnehin herausgefordert, die Diskussion darüber ist nicht zu übersehen. Heute medizinisches Cannabis – morgen Psilocybin? Wir werden sehen. Zudem ist Deutschland grundsätzlich bei der Entwicklung von wesentlichen psychotherapeutischen Herangehensweisen seit dem zweiten Weltkrieg weit abgeschlagen. Hier wartet man eher ab, bis sich ein psychotherapeutisches Verfahren in den USA zum Mainstream zu entwickeln beginnt, bevor es dann übernommen wird. Seit über 60 Jahren kommt eigentlich alles Bedeutsame auf diesem Gebiet aus den USA: Behaviorismus, kognitive Verhaltenstherapie, dialektisch-behaviorale Therapie, humanistische Therapien, EMDR, CBASP, FAP, ACT – und psychedelische Therapie. Letztere wird wahrscheinlich 2021 ein legales Verfahren in der Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung mit MDMA sein. Weitere Substanzen, Störungsbilder und Indikationen werden sicher folgen, Rick Doblin, Chef von MAPS, spricht bereits von psychedelischen Kliniken. Vermutlich wird die Zukunft der Psychotherapie maßgeblich durch die Verwendung psychoaktiver Stoffe beeinflusst werden. Dabei begann eigentlich alles vor unserer Haustüre: Wundt, Janet, Freud, Adler, Reich und Jung. Das LSD kam aus der Schweiz, die Psycholyse vor allem aus Tschechien über Grof, aber auch über Leuner aus Deutschland. Nixons „War on Drugs“ bereitete all dem Anfang der 70er Jahre ein jähes Ende. 15 Jahre später gab es dann die Spezialbewilligungen in der Schweiz, und morgen kommt die Methode als US-Reimport wahrscheinlich zurück nach Europa.

Bei der Psycholyse der Gegenwart treffen mehrere Probleme unglücklich aufeinander: Erstens reden wir über ein kaum zu definierendes und stark differierendes Feld. Ist Psycholyse nun Therapie oder Selbsterfahrung, Privat- oder Behandlungssache? Gehört sie in eine Klinik oder ins Wohnzimmer? Im Untergrund finden seit vielen Jahren auf unterschiedliche Weise zahlreiche entheogene Sitzungen statt, in welchen die Menschen die verschiedensten Werte und Zielsetzungen verfolgen. Die Anwender sind ein buntes Gemisch aus allen gesellschaftlichen Schichten: Intellektuelle und Arbeiter, Polizisten und Pfarrer, Bäcker und Sachbearbeiter. Dabei sind Extrem-Sportler, Wissenschaftler, Ärzte, Therapeuten, Krankenschwestern, Studenten, Arbeitssuchende und Privatiers, Schauspieler, Musiker, Dichter und Autoren, Lehrer, Kindergärtner, Piloten, Verleger, Taxifahrer, Hebammen, Gärtner, Immobilienmakler und Finanzleute. Sie alle suchen nach der Linderung ihres Leids, nach wegweisenden Erkenntnissen über sich selbst und das Leben, nach Verbundenheit und Selbsttranszendenz. Das Streben nach Transzendenz und Spiritualität ist wahrscheinlich im Menschen angelegt; bewusstseinsverändernde Substanzen und die entsprechenden Rituale begleiten die Menschheit schon lange.

Zweitens haben wir es immer häufiger mit den unerforschten und riskanten „Research Chemicals“ zu tun, die der Schwarzmarkt in seiner nicht enden wollenden Suche nach gesetzlichen Lücken wie in einem Katz-und-Maus-Spiel hervorbringt. Dies ist heutzutage generell ein wachsendes Risiko im Zusammenhang mit dem Konsum von Drogen, von Dosierungsfehlern und Verunreinigungen ganz abgesehen. Durch die Prohibition gibt der Staat die Macht aus den Händen an eine Dynamik, die nicht mehr steuerbar ist. Durch die Prohibition wurden und werden relativ gut bis sehr gut erforschte und damit auch einigermaßen sichere Substanzen verboten, was nicht nur die Forschung blockiert, sondern auch die Untergrund-Labore zu immer neuen und unsicheren Kreationen anregt. Besonders die Statistik in Bayern weist eine hohe Anzahl von Drogentoten eben durch diese neuen psychoaktiven Substanzen auf, nicht zuletzt deshalb, weil die stark repressiv orientierte bayerische Drogenpolitik die Konsumenten mehr und mehr in die Enge treibt. Kein Wunder, dass die Jugendlichen aus Angst vor Strafverfolgung auf die gefährlicheren aber legalen Alternativen ausweichen. Zudem wissen wir kaum, wie viele tausend oder abertausend Male allein in Deutschland täglich entheogene Substanzen konsumiert werden. Verglichen damit passiert eigentlich gar nicht so viel, worüber man groß berichten könnte. Abgesehen von den legalen Vertretern Ephedrin und Ketamin sind und bleiben die bis dato am besten erforschten und daher eher sicheren psychoaktiven Stoffe wohl die üblichen Verdächtigen: LSD, MDMA und Psilocybin.

Letztlich müssen wir über diese Dinge mit einer kritischen und offenen Haltung und vor allem auch in einem wissenschaftlichen Kontext diskutieren. Neben notwendigen und qualitativ hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien sind aber auch fachliche Expertise und Erfahrungswissen wertvolle Quellen, wie man zumindest in den USA schon erkannt hat. Dr. Jeffrey Guss, Professor für Psychiatrie an der NYU Medical The Center For Optimal Living, spricht z.B. mit den Menschen aus dem weit verzweigten amerikanischen Untergrund, um von ihnen zu lernen, was funktioniert hat und was nicht. Das ist die Offenheit, die bei uns in Deutschland fehlt: Die Wertschätzung derer, welche Pfade jenseits des Mainstreams betreten und den Mut haben, eigene Wege zu gehen.

Doch der Weg ist bis zu einem allgemeinen Konsens über die Psycholyse noch lang. Bis dahin heißt es: eigenverantwortlich aufklären, informieren, unterstützen, Schaden minimieren, Nutzen sicherstellen.

Psychedelische Gesellschaft Deutschland e.V.

Literaturangaben

Bucher, A. (2013). Psychologie der Spiritualität. Handbuch. Weinheim: Beltz.

Carhart-Harris, R.L., Kaelen, M., Whalley, M.G. et al. (2015). LSD enhances suggestibility in healthy volunteers. Psychopharmacology (2015) 232: 785. Berlin, Heidelberg: Springer Verlag.

Danforth, A. L., Struble, C. M., Yazar-Klosinski, B., Grob, C. S. (2016). MDMA-assisted therapy: A new treatment model for social anxiety in autistic adults. Progress in Neuro-Psychopharmacology and Biological Psychiatry, Volume 64.

dos Santos, Rafael G., Osório, Flávia L., Crippa, José Alexandre S., & Hallak, Jaime E. C.. (2016). Antidepressive and anxiolytic effects of ayahuasca: a systematic literature review of animal and human studies. Revista Brasileira de Psiquiatria, 38(1), 65-72.

Grof, S. (2015). LSD Psychotherapie. 3. Auflage. Stuttgart: Klett Cotta.

Hayes, S., Strohsahl, Kirk D. & Wilson, Kelly G. (2014). Akzeptanz- & Commitment-Therapie. Paderborn: Junfermann Verlag.

Jungaberle, H. (2006). Rituale und Integrationskompetenz beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen. In H. Jungaberle, R. Verres & F. DuBois (Eds.), Rituale erneuern – Ritualdynamik und Grenzerfahrung in interdisziplinärer Perspektive (pp. 86-123). Gießen: Psychosozial Verlag.

Maclean KA, Johnson MW and Griffiths RR (2011). Mystical experiences occasioned by the hallu- cinogen psilocybin lead to increases in the personality domain of openness. J Psychopharmacology 25: 1453–1461.

Metzner, R. (2017). Handbuch für nachhaltige Erfahrungen mit Entheogenen. Solothurn: Nachtschattenverlag.

Möckel Graber, C. (2010). Eintritt in heilende Bewusstseinszustände – Grundlagen zur psycholytischen Praxis. Solothurn: Nachtschattenverlag.

Oehen, P., Traber, R., Widmer V. und Schnyder, U. (2013). A randomized, controlled pilot study of MDMA (±3,4-Methylenedioxymethamphetamine)- assisted psychotherapy for treatment of resistant, chronic Post-Traumatic Stress © Disorder (PTSD). J Psychopharmacology 27: 40-52

Widmer, S. (1989). Ins Herz der Dinge lauschen. Solothurn: Nachtschattenverlag.

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Positionspapier PGD

Simon Frey (54), Apotheker

"Das Verbot von MDMA und LSD halte ich in Anbetracht ihres niedrigen Risikopotenzials für unsinnig!"

Esther M. Caduff (48), Fachspezialistin Gesundheitsförderung

"Weil der Mensch das Recht auf Heilung hat. Meine Seele gehört mir!"

Christoph Kahse (46), Psychotherapeut und Musiker

"LSD und MDMA sind segensreiche Heilmittel. Ihr Verbot ist ein Verlust für die Menschheit!"

Kasia Weidenbach (44), Ärztin und Psychotherapeutin

"Psycholytische Substanzen können uns wecken für ein tieferes Bewusstsein, für Liebe und Einssein."

Martin Werner (36), Dipl.Kfm.

"Ich habe über die Psycholyse meinen Lebenssinn erkannt, auf dem mein heutiges Lebensglück gründet!"

Rahel Nicolet (23), Studentin

"„Weil das Leben ein Trip ist und durch Psycholyse noch schöner wird!“

Sebastian Weidenbach (46), Arzt und Psychotherapeut

"Psycholyse oder der Gebrauch psycholytischer Substanzen ist etwas ganz und gar Selbstverständliches."

Silvia Burren (57), Sterbe-, Trauer- und Lebensbegleiterin

"Psychedelika sind die potentesten und heiligsten Heilmittel für uns Menschen."

Ueli Frey (68), Ingenieur

"Mich für die Psycholyse zu entscheiden, war die Entscheidung, dieses Leben mit all seinen schönen und schrecklichen Seiten zu akzeptieren und voll zu verantworten."

Micha Pürschler (40), Sozialpädagoge/Sozialarbeiter

"Ich bin Psycholyse, da ich mir Verrücktheit nicht mehr leisten will!"

Christian Raab (43), Erziehungswissenschaftler

"Psycholyse, soweit sie gewissenhaft betrieben wird, ist eine weit erforschte und bewährte Methode."

Cristina Zotter (47), Erziehungs- und Familienberaterin

"Weil Psycholyse das Beste in mir weckt."

Stefan Krahl (52), Freier Architekt

"Mit der Lupe das Leben betrachten. Verantwortung entwickeln. Lieben. LSD und MDMA legalisieren."

Unterschriften

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Ausgefüllte Fragebögen