Was ist Psycholyse

Die Versuche von Menschen, ihr Bewusstsein mithilfe von psychotropen Substanzen zu manipulieren sind wahrscheinlich so alt, wie die Menschheit selbst. Psychoaktive Pflanzen standen im Zentrum der ältesten sakralen und medizinischen Rituale. Sie wurden in alten Kulturen als „Pflanzen der Götter“ verehrt und galten als Mittler zwischen Mensch und Kosmos, sowie zwischen materieller und spiritueller Dimension. In manchen Kulturen finden wir auch heute noch die Verwendung von bestimmten Substanzen wie in der schamanischen Tradition in Sibirien und Amerika oder auch in manchen afrikanischen Ethnien. Neben der heilbringenden Nutzung psychoproper Substanzen gibt es natürlich auch Versuche, die Angelegenheit so gut es eben geht zu unterdrücken oder sogar auszurotten. Die Spanier z.B. verboten schon im 16. Jahrhundert die Peyote Rituale der Indianer und die Azteken wurden einfach hingerichtet.

Die gezieltere Verwendung im Kontext der Heilung psychischer Krankheiten ist eine Angelegenheit der westlichen Welt seit der Mitte des letzten Jahrhunderts. Die psychotherapeutische Arbeit mit LSD wurde in Deutschland von Hanscarl Leuner und international hauptsächlich von Stanislav Grof entwickelt und systematisch beschrieben. Dabei wurden im Rahmen einer regulären meist psychoanalytisch orientierten Behandlung in gewissen Zeitabständen Sitzungen mit LSD als Hilfsmittel zur Sensibilisierung der Wahrnehmung eingeflochten. 1960 wurde der Begriff Psycholyse von dem englischen Psychiater Roland A. Sandison erstmalig formuliert.

Um die begriffliche Definition des Einsatzes psychoaktiver Substanzen in der Therapie oder zur Selbsterforschung gibt es heutzutage eine verwirrende Vielfalt. Das reicht von „substanzgestützter“ und „psychoaktiver“ Therapie hin zu „psycholytischer“ oder „psychedelischer“ Therapie. Im deutschen Sprachraum distanzieren sich manche Forscher vom Begriff der Psycholyse und im internationalen Kontext wird meist von psychedelischer Therapie gesprochen. Aber auch dort gibt es eine Zurückhaltung aufgrund der allgemein eher unwissenschaftlichen und hippiesken Konnotation der psychedelischen Subkultur. Dem versucht man nun zu entkommen, indem man das jeweils verwendete Adjunkt der Therapiebezeichnung voranstellt: MDMA-gestützte, Psilocybin-gestützte oder LSD-gestützte Therapie. In dieser Verwirrung wäre es sicher hilfreich, wenn man auf einen neutralen Namen zurückgreifen könnte, der der Wirkungsweise der verschiedenen Substanzen gerecht wird und gleichzeitig keine historische Vorbelastung aufweist. Die Klassifizierung der geeigneten Substanzen als psychoaktiv ist dabei wenig trennscharf, um den therapeutischen Einsatzbereich z.B. von leistungssteigerndem Hirndoping angemessen zu differenzieren. Am ehesten kann man diese Substanzen als Hilfmittel für psychologische Katalysationsprozesse anschauen, weswegen ich den Begriff Katalytika allen anderen vorziehe. Ein Katalytikum ist demnach eine psychotrope Substanz, welche unter klar definierten Bedingungen genuin vorhandene psychologische Prozesse wie z.B. Achtsamkeit und Akzeptanz im menschlichen Gehirn durch die gezielte pharmakologische Beeinflussung der Neurotransmittersysteme anregt und so Bewusstseinsinhalte für psychotherapeutische oder selbsterfahrungsbezogene Zielsetzungen im Sinne von Katalysationsprozessen zugänglich macht. Klassische Katalytika sind Psychedelika und Entaktogene (siehe Kasten rechts). Mehr dazu im Kasten auf der rechten Seite.

Die Schwierigkeit, einen allgemein passenden Namen für diese Angelegenheit zu finden, liegt sicher in der Frage, wie man sie überhaupt fassen und welche Grenzen man zwischen Psychotherapie und Selbsterfahrung ziehen möchte. Und dies wiederum hängt natürlich von Set und Setting, bzw. von Zielsetzung und Ausgangssituation ab. Allgemein verbindliche Richtlinien für das rein therapeutische Setting liegen noch nicht vor, und solange es keinen Konsens gibt, bleibe ich beim Begriff Psycholyse als Oberbegriff  und meine damit die Verwendung von Katalytika in einem kontrollierten und strukturierten Rahmen zur Behandlung psychischer Probleme, Anregung und Vertiefung von Selbsterfahrungs- und Selbsterkenntnisprozessen sowie zur persönlichen und geistigen (spirituellen) Entwicklung der Persönlichkeit. Die Anwendung Stoffe für diese Zwecke ist zwar (noch) umstritten. Umstritten deshalb, weil trotz aller Bemühungen eine breite wissenschaftliche Akzeptanz bisher aussteht. Dennoch stellt sie auch ohne den „Beweis“ über placebokontrollierte Doppelblindstudien ein durchaus vielversprechendes Verfahren dar und könnte im Kanon der bestehenden Möglichkeiten zur Behandlung psychischer Probleme und Selbsterfahrung einen soliden Platz finden. Das Fehlen von kontrollierten Studien darf bis dahin nicht voreingenommen als Beleg für eine fehlende Wirksamkeit herhalten. Persönliche Erfahrungen und fachliche Expertise sind ebenso wertvolle Wissensquellen.

Auf keinen Fall aber ist die Psycholyse ein Allheilmittel, sondern ein durch die eingesetzten Stoffe hochpotentes und entsprechend sensibles Werkzeug. So birgt die Anwendung von Katalytika natürlich auch Gefahren, die durch den illegalen Status und die prohibitionsbedingten Rahmenbedingungen potenziert werden können. Aber unter günstigen Bedingungen sind die Gefahren gut zu kontrollieren. Und dazu gehört ein medizinisch-psychologisch sicherer und ethisch sowie rechtlich klarer Rahmen.

Das psychologische Rahmenmodell

Die Verwendung psychoaktiver Hilfsmittel ist für sich genommen natürlich noch keine Psychotherapie im eigentlichen Sinne. Erst im Zusammenhang mit einem therapeutischen Rahmen ergibt sich das, was wir als psycholytische der psychedelische Therapie bezeichnen. Dabei sollen einzelne Sitzungen in regelmäßigen Abständen in das ambulant durchgeführte Therapiesetting eingestreut werden. Historisch gewachsen wurde die Psycholyse immer im Kontext einer tiefenpsychologisch orientierten Psychotherapie durchgeführt. In aktuellen Studien werden allerdings auch kognitiv-behaviorale Behandlungsmethoden mit dem Einsatz psychoaktiver Substanzen kombiniert. Einen Konsens über eine am beste geeignete Kombination gibt es nicht.

Die therapeutischen Effekte, welche lang über die Sitzung hinaus anhalten, haben nichts mehr mit der pharmakologischen Wirkung der Substanzen zu tun. Die psychologischen Mechanismen, welche z.B. zur Reduktion von Ängsten und Depressionen führen, sind bisher nicht geklärt. Ich gehe aber davon aus, dass sie im Zusammenhang mit der Erhöhung von Achtsamkeit, Akzeptanz und werteorientiertem Handeln erklärt werden können. Die psychedelische Renaissance innerhalb der Psychotherapie passt insofern gut zur „dritten Welle“ der kognitiven Verhaltenstherapie bzw. zur „emotionalen Wende“, wie diese neue Entwicklung auch genannt wird. Aus meiner Sicht ist daher z.B. das Rahmenwerk der Akzeptanz und Commitment Therapie nach Hayes et. al. bestens geeignet, psycholytische Prozesse zu erklären und zu unterstützen. Vor allem bei der wichtigen Aufgabe der Integration, also dem Transfer der Einsichten in den Alltag könnte die ACT eine wertvolle Hilfe sein.

Die Rolle der Substanzen

Psychedelika und Entaktogene können generell eine Sensibilisierung und Wahrnehmungsintensivierung des eigenen inneren Erlebens befördern. Sie verstärken während der Dauer ihrer Wirkung durch die Beeinflussung diverser Neurotransmittersysteme im Gehirn die Aufmerksamkeitsfunktionen und können durch eine erhöhte Intensität der Wahrnehmung Bewusstseinsveränderungen herbeiführen. In diesen hochsensiblen Zuständen können sich für den Anwender neue Perspektiven und Sichtweisen auf die eigene Person, die Beziehungen und das Leben an sich eröffnen. Unbewusste Wahrnehmungsbarrieren (Abwehrmechanismen), welche auch bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Problemen und Störungen eine zentrale Rolle spielen, können so der bewussten Beobachtung zugänglich werden. Dadurch können die daran beteiligten Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen unter der Substanzwirkung mit einer größeren Klarheit betrachtet und verstanden werden. Hierbei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Bei Entaktogenen wie dem MDMA beispielsweise berichten die Anwender eine reduzierte Angst vor sozialen Bewertungen bei gleichzeitiger erhöhter Bereitschaft, offen über unangenehme Gefühle und emotional belastende Erfahrungen zu sprechen. Die prosozialen Effekte haben eine therapeutisch nutzbare angstlösende Wirkung. Durch die Verlangsamung von Denkprozessen, die von Anwendern beschrieben wird, kann ähnlich wie bei den herkömmlichen achtsamkeitsbasierten Therapieformen die Beteiligung nicht hinterfragter Bewertungen, Regeln und kognitiver Verzerrungen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Problemen deutlicher wahrgenommen und identifiziert werden.

Bei dieser Beschreibung drängt sich der Einsatz der Psycholyse in einem pschotherapeutischen Rahmen geradezu auf. Dennoch geht ihr Einsatz über den rein psychotherapeutischen Bereich hinaus und bietet interessante Indikationsbereiche auch für gesunde Menschen. Psycholyse kann dabei helfen, bisher ungenutzte Potenziale zu erschließen und sogar zu einer dauerhaften positiven Veränderung der Persönlichkeit führen. Der Konsum von geringen Mengen von Psychedelika ist der jüngeren Zeit auch als „Microdosing“ (Mikrodosierung) bekannt geworden. Dabei werden von den Anwendern extrem niedrige Dosierungen bestimmter Psychedelika im Alltag zur Steigerung kreativer Leistungen eingenommen. Dies hat allerdings eher nichts mit dem hier beschrieben Verwendungszweck zu tun.

Der Effekt, den die Einnahme bewusstseinsverändernder Substanzen auf den Menschen hat, hängt in erheblichem Maße von der Person selbst und den Umständen ab, in denen diese konsumiert werden. Diese außerpharmakologischen Wirkfaktoren werden als Set und Setting bezeichnet und haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Erfahrungsqualität und der psychotherapeutische Effekt liegt nicht im bloßen Konsum der Substanzen. Erst in einem kontrollierten Rahmen und dem bewusst geplanten Zusammenspiel der Substanzwirkung mit inneren und äußeren Einflussfaktoren (psychedelische Trias) kann dieser Ansatz seine hilfreiche Wirkung entfalten und zu einer Linderung psychischer Leiden führen, die lange über die Wirkungsdauer der Mittel hinaus anhalten kann. Positive Langzeiteffekte sind demnach nicht mehr auf die pharmakologische Wirkung der Substanzen zurückzuführen. Dies macht eine neue Klassifizierung der geeigneten Hilfmittel notwendig, denn sie sind weder Drogen noch Medikamente im eigentlichen Sinne.

Der Rahmen

Der kontrollierte Rahmen für den konkreten Einsatz dieser Hilfsmittel besteht neben einer intensiven Vor- und Nachbereitung der Sitzungen mit Substanzwirkung in der bewussten und geplanten Durchführung einer Art Heilrituals, welches durch seine Struktur die erwünschten Wirkungen der Substanzen sicherstellen und negative Effekte langfristig abwenden kann. Um etwaige Gefährdungen auszuschließen und den Nutzen sicherzustellen, müssen diese Rahmenbedingungen und die Kontraindikationen sensibel berücksichtigt werden. Neben einer freundlichen interpersonellen Atmosphäre und einer angenehmen Raumgestaltung gehört der Einsatz geeigneter Musik zum Rahmenprogramm einer solchen Sitzung, die meist über mehrere Stunden oder den ganzen Tag andauert.

In den jüngsten klinischen Forschungsarbeiten werden nur Einzelsitzungen untersucht, in welchen die Probanden von einem Therapeutenpaar begleitet werden und welche eingestreut in eine ambulante psychotherapeutische Behandlung erfolgen. In den letzten Jahrzehnten hat sich in der weit verzweigten psychedelischen Szene eine Reihe von Gruppen-Settings mit oder ohne psychotherapeutischem Anspruch entwickelt. Die Leitung, die das Geschehen jeweils anleitet, ist für die Teilnehmer der Sitzung in allen Belangen vor, während und nach der Sitzung ansprechbar und wird bestenfalls durch ein Team unterstützt. Dabei variieren die Anforderungen an alle Beteiligten je nach Anspruch und Ausrichtung von Set und Setting. Die Spannbreite reicht vom einfachen Hüten von Freunden hin zum dezidierten therapeutischen Arbeiten an psychologischen Fragestellungen mit entsprechend interessierten Menschen. Für die Gruppenerfahrungen gibt es bisher keine wissenschaftlichen Arbeiten. Es ist aber anzunehmen, dass die Gruppe spezielle Aspekte der psychedelischen Erfahrung betont (z.B. die Aspekte Vernetzung und Einbettung in Gemeinschaft) und dass dieses Setting ganz andere (eher höhere) Anforderungen an die Kompetenz der Anleitung stellt, als die paarweise therapeutische Begleitung eines einzelnen Probanden.

Die therapeutische Beziehung

Die notwendige therapeutische Haltung in der Arbeit mit psychoaktiven Stoffen unterscheidet sich grundsätzlich nicht von der jeder anderen humanistisch und menschlich geprägten Haltung gegenüber einem Klienten. Grundsätzlich gilt: Klient und Therapeut sind beide wahrnehmende Wesen auf ihrem mitunter steinigen und schwierigen Weg durchs Leben. Beide sind mit denselben Herausforderungen konfrontiert und beide werden sich, so wie jedes andere Lebewesen, an einer Grundlinie treffen: dem Tod. Das Leben ist ein Prozess des Lernens und dieser endet – wenn überhaupt – dort. Wir alle besteigen den Berg des Lebens, der letztlich keinen endgültigen Gipfel kennt. Ein Therapeut kennt so wie jeder andere Mensch das Leid. Er kennt Einsamkeit, Trauer, Angst, Schmerz und Kränkung, Krankheit und Verlust. Er verstrickt sich mit seinen Gedanken, handelt destruktiv, macht Fehler und lernt hoffentlich daraus. Ein Therapeut ist im besten Fall ein Liebender, und ein Liebender ist ein Lernender. Aus dieser Haltung verbietet sich jede Überhöhung des Therapeuten gegenüber seines Klienten, denn beide sitzen im selben Boot.

Die Werte, die die therapeutische Beziehung leiten, unterscheiden sich ebenfalls nicht von denen, die wir bereits kennen:

  • Freiheit des Willens/Autonomie, Wahrung von Grenzen
  • Wertschätzung
  • Echtheit/Ehrlichkeit/Kongruenz
  • Klarheit/Transparenz
  • Unterstützung/Empowerment
  • Verlässlichkeit/Zuverlässigkeit/Genauigkeit
  • Neutralität

Häufiger wird behauptet, dass die Arbeit mit psychoaktiven Stoffen eine besondere Herausforderung an die Therapeutenpersönlichkeit darstellt. Auf der einen Seite stimmt das natürlich, auf der anderen Seite setzt diese Forderung den Standard von anderen Therapieformen unangemessen herab. In meinen Augen stellt jede Psychotherapieform die höchsten Ansprüche an den Therapeuten. Natürlich braucht man bei der Arbeit mit psychoaktiven Stoffen ein spezielles Fachwissen, über welches ein Psychotherapeut gewöhnlich nicht verfügen muss. Dazu gehören neben den Kenntnissen über die spezifischen Wirkungsweisen der Katalytika und ihre ebenso spezifischen Anwendungsmöglichkeiten auch die medizinischen Implikationen zu Wechselwirkungen, Nebenwirkungen und Kontraindikationen.

Das wichtigste „Fachwissen“ erlangt der Therapeut aber über seine eigene Sensibilisierung mit diesen Stoffen, also über die Selbsterfahrung. Da Menschen unter der Einwirkung dieser Stoffe hochsensibel reagieren, muss auch der Therapeut eine angemessene Sensibilität ausbilden, was am ehesten über diese Selbsterfahrung, aber auch über die therapeutische Arbeit selbst geschieht. Am besten hält sich der Therapeut bei der Durchführung einer Sitzung mit vielen Interventionen zurück und richtet seinen Fokus auf die Haltefunktion. Dazu gehört die Auswahl der passenden Musik und eine mentale Präsenz, die mit allem „mitgehen“ kann, was der Klient unter dem Einfluss der Substanzen erfährt. Mit seiner Aufmerksamkeit und seiner Klarheit bildet der Therapeut eine Art Geländer für den psycholytischen Prozess. Wichtig ist, dass der Therapeut Vertrauen in den Prozess hat und nicht mit Angst oder Unsicherheit auf emotional herausfordernde Situationen reagiert. Das Wichtigste ist, die Stille zu halten. Mütterlich haltende Qualitäten sind gefragt, auch beim männlichen Therapeuten. So wirkt der Therapeut als Anker, der das Schiff auch in stürmischen Zeiten gut durch die Klippen lenken kann.

Diese Haltung kann im Klienten ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit installieren. Manche sehen darin die Gefahr einer narzisstischen Überhöhung des Therapeuten. Diese besteht in der Tat in jeder Therapieform und es bliebe die Frage zu klären, ob sich solche Schwierigkeiten durch die Anwendung psychoaktiver Stoffe potenzieren. Aber auch bei der Hypnotherapie begeben sich Patienten in einen Zustand mit hoher Beeinflussbarkeit. Das gegenseitige Vertrauen basiert auf der Integrität der Beteiligten. Diesbezügliche Unklarheiten sollten transparent angesprochen und bearbeitet werden. Hier kann, so wie bei anderen Therapieformen auch, nur eine professionelle Super- und Intervision in hilfreiche Dimensionen führen. Für die verschiedenen Settings ist es ohnehin nicht ratsam, alleine zu arbeiten. In den zurzeit klinisch angewandten Triadensettings arbeitet ein Klient mit einem Therapeutenpaar zusammen. Auch in Gruppensettings bietet sich bestenfalls ein Therapeutenpaar als Projektionsfläche an.

Einordnung

Die Grenzen zwischen gezielter Persönlichkeitsentwicklung, Selbsterfahrung, Psychotherapie und der Entfaltung von Spiritualität waren immer fließend und überlappen sich in vielerlei Hinsicht. Ein lebendiger therapeutischer Prozess mäandert problemlos zwischen diesen Polen und auch gesunde Menschen rutschen ohne eine explizite Diagnose und Behandlung mitunter in Bereiche des diagnostizierbaren psychischen Leidens. Zudem taugt eine Herangehensweise an ein Problem, die sich im realen Leben nicht bewährt, auch nichts für die Therapie und umgekehrt. Die Psycholyse bewegt sich im selben Feld und kann bei der Bearbeitung und Heilung psychischer Verletzungen, der Heilung von Beziehungen zu Mitmenschen, der Beziehung zur Natur und zum Leben als Ganzes hilfreich sein. Der Begriff Heilung ist dabei sicher ein hoher Anspruch. Außerdem ist dieses Wort im Zusammenhang mit psychischem Leid eher esoterisch belastet. Dennoch könnte man psychologische Heilung ganz allgemein als einen Prozess definieren, in welchem das Individuum durch die achtsame Beobachtung aller psychischen Inhalte lernt, sich davon weniger beherrschen zu lassen, sich zu öffnen und schwierige Lern- und Lebenserfahrungen mit den daran gekoppelten schmerzhaften Gefühlen und Gedanken zu integrieren und als genuinen Bestandteil menschlichen Lebens und Leidens anzuerkennen.

Allem heutzutage bei solchen Aussagen gängigen Augenrollen zum Trotz könnte man diesen Prozess in Richtung Offenheit, Verletzlichkeit, Mitgefühl und Vernetzung auch als ein grundsätzlichen Erwachen für die Liebe bezeichnen, welcher durch ehrliche Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis in Gang gebracht wird. Selbsterkenntnis heißt, die inneren Reaktionen auf alle Herausforderungen aufmerksam zu beobachten, schmerzhafte Gefühle und Gedanken zu akzeptieren und sinnlose Vermeidungsreaktionen mit ihren hohen Kosten zu erkennen und aufzugeben. Durch diese Haltung kann das Individuum erkennen, dass es ein vernetzter Teil des Ganzen ist, welches es durch das eigene Bewusstsein und Handeln beeinflussen kann und von dem es gleichzeitig vollkommen abhängig ist. Aber ohne eine durch Ernsthaftigkeit und Selbstverantwortung gekennzeichnete Haltung kann auch die Psycholyse ihr Potenzial nicht entfalten und sogar Schaden anrichten. Denn die fehlende Integration der Erfahrungen und Einsichten kann eine desintegrierende Wirkung auf den psychologischen Zustands des Anwenders ausüben, weil dabei wichtige eigene Werte verletzt werden. Anders gesagt muss man die Einsichten, die man mithilfe dieser Substanzen macht, wirklich ernst nehmen und im Leben umsetzen, sonst wirken sie wie ein Gift.

Manche mögen ja ein Problem mit dem Wort „Liebe“ im psychotherapeutischen Kontext haben. In der psychedelischen Forschung spricht man meist eher von „prosozialen Effekten“ z.B. bei der Wirkung von MDMA. Dabei ist Prosozialität nur ein Aspekt von Liebe. Die Probanden selbst haben da weniger Scheu, von „allumfassender Liebe“ zu sprechen. Liebe meint eigentlich ein bedingungsloses Annehmen von dem, was ist. Das bedeutet aber weder eine ineffektive Handlungslähmung, ganz im Gegenteil, noch geht es dabei um eine romantische, symbiotische oder verklärte Haltung. Es geht vielmer darum, sich allem bedingungslos zu stellen, und das ist dann eben auch schmerzhaft und ernüchternd. Die Liebe. verstanden als eine universelle Kraft, kann einen Menschen beseelen, auch wenn er vor größten Schwierigkeiten steht, die er bewältigen muss, wie Verlust, Krankheit oder Tod. Trotz allen Schmerzes kann die Liebe ein erhebendes Gefühl sein, welches das menschliche Leid transzendiert und dem Individuum eine Perspektive eröffnet, mit allem in einer annehmenden Haltung in Beziehung zu stehen.

Manchmal hört man, die Psycholyse sei nur etwas für die Ungeduldigen und die Faulen, welche keine Zeit für den mühsamen Weg einer Therapie oder der Selbsterkenntnis aufbringen wollen. Dem muss man allerdings entgegnen, dass die durch die Psycholyse angestoßenen Prozesse mitunter nicht weniger mühsam sind und therapeutische Prozesse manchmal auch überhaupt erst in Gang bringen kann, wenn die Blockaden zu massiv oder zu unbewusst sind. Weiterhin kann sie dem Anwender eine psychologische Tiefendimension erschließen (kollektive und transpersonale Erfahrungen), die auf anderem Wege für Viele kaum erfahrbar ist. Außerdem findet der Einsatz dieser speziellen psychoaktiven Mittel am besten in einem psychotherapeutischen Behandlungsrahmen statt und dem schnellen Weg zum (therapeutischen) Erfolg muss man eine deutliche Absage erteilen. Wer ohne chemische Hilfsmittel in die Tiefe gehen kann, wer in seiner Selbstwahrnehmung nicht sonderlich blockiert ist, der braucht keine solchen Hilfsmittel. Es geht auch nicht darum, die substanzgestützten Verfahren prinzipiell über alle anderen Möglichkeiten zu stellen, sondern zu zeigen, dass ihre fachliche und soziale Ächtung weder ethisch noch wissenschaftlich gerechtfertigt ist. Gleichzeitig muss die aktuelle Forschung klarstellen, unter welchen Voraussetzungen der katalytikagestützte Ansatz den anderen Verfahren ebenbürtig oder überlegen ist und wann andere Wege bessere therpeutische Effekte erzielen.

Zum Schluss soll auch die politische und soziologische Dimension der Psycholyse nicht unerwähnt bleiben. So, wie der bewusste und strukturierte Gebrauch von Katalytika im Individuum wie oben beschrieben ein Erwachen für die Liebe in Gang bringen kann, kann durch die verantwortete Integration der gemachten Erfahrungen auch eine völlig andere Kultur des Miteinanders entstehen, welche auf Mitgefühl, Kooperation und Einheit, statt auf Konkurrenz, Aggression und Vorteilsnahme beruht. Dadurch könnte die Psycholyse vielleicht sogar einen konstruktiven Beitrag zur weiteren Entfaltung der Menschheit liefern. Ein radikaler Wandel im Bewusstsein der Menschheit in Richtung von Offenheit, Kooperation und gemeinschaftlicher Teilhabe könnte helfen, die fortschreitende Misere abzuwenden, die sich zunehmend in Fremdenhass, Separation, Umweltzerstörung und struktureller Gewalt ausdrückt. Die grundlegende Frage ist allerdings, ob die Menschheit überhaupt noch in der Lage ist die Probleme zu lösen, welche durch monströse Systeme und Leid bringende Strukturen in der Welt entstanden sind.

Klinische Indikationen

Zu den klassischen psychotherapeutischen Indikationen zählen Angststörungen, Depressionen, Persönlichkeitsstörungen, sexuelle Störungen, Zwangsstörungen und Abhängigkeitserkrankungen. Die Erfahrungsberichte von Menschen, die mit diesen psychischen Erkrankungen diagnostiziert wurden erzählen von der positiven Wirkung, die die Psycholyse auf sie hatte. Die Effekte umfassen die Verbesserung der Selbstwahrnehmung, der Selbststeuerungsfähigkeit, der verbesserten Steuerung interpersoneller Probleme bis hin zur Reduktion von Angsterleben, depressiven Affekten und Missbrauch oder Abhängigkeit von psychotropen Substanzen wie z.B. Alkohol, Nikotin oder anderen illegalen Betäubungsmitteln. In letzter Zeit häufen sich die Untersuchungen zur Behandlung von Traumafolgestörungen wie der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit MDMA mit vielversprechenden Ergebnissen. Die Forschungsbemühungen konzentrieren sich vor allem auf therapieresistente Fälle, die das Gesundheitssystem viel Geld kosten. Man erhofft sich durch den Nachweis der Wirksamkeit der Psycholyse in diesen Fällen einen Durchbruch und zielt langfristig auf die Ausweitung der Behandlung auf andere psychische Störungen ab. Einen schönen Überblick über den Indikationskatalog speziell der MDMA-gestützten Psychotherapie bietet das Büchlein „Healing with Entactogens“ von Torsten Passie.

Aussertherapeutische Indikationen

Persönlichkeitsentwicklung und Selbsterkenntnis gehören sicher zu den vordergründigsten Anwendungsbereichen für ansonsten gesunde Menschen. Wer sich ernsthaft für den Weg nach innen interessiert, kann mithilfe der Psycholyse im geschützten Setting wertvolle Erfahrungen machen. Auch die Aus- und Weiterbildung von Menschen, welche im psychotherapeutischen Sektor tätig sind, kann die Arbeitsweise mit ihren Klienten durch psycholytische Selbsterfahrung grundlegend beeinflussen. Der Zugang zum Gegenüber kann sich durch die verstärkte Integration eigener verdrängter Persönlichkeitsanteile und durch eine Steigerung der Empathiefähigkeit verbessern, was sich wiederum positiv auf die therapeutische Beziehung auswirken kann.

Durch die durch die Psycholyse gemachten Erfahrungen der Einheit, der Verbundenheit und Liebe stellt sich bei den Menschen irgendwann wie von selbst die Frage nach einem glücklichen und kreativen Lebensstil. Die Einsicht, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn sie lernt, ihre Ressourcen miteinander zu teilen und füreinander zu leben, kann in der Bemühung um Kooperation Gemeinschaft ihre Umsetzung finden.

Weitere Indikationsbereiche umfassen die Vertiefung von kreativen bzw. künstlerisch-schöpferischen Vorgängen und der Einsatz zum Erarbeiten von Problemlösestrategien. Zudem eignet sich die Psycholyse zur Vertiefung des eigenen religiösen-mystischen Verständnisses.

Kontraindikationen

Zu den Kontraindikationen zählen Krankheiten und Umstände, welche ein erhebliches bis tödliches gesundheitliches Risiko für die Anwender beinhalten. Dazu gehören auf der körperlichen Ebene schwere Herz-Kreislauferkrankungen, Lebererkrankungen und Schwangerschaft. Auf der seelischen Ebene zählen verschiedene schwere psychische Erkrankungen wie z.B. Schizophrenie, bipolare oder Borderline-Störungen zu den Ausschlusskriterien. Auch Menschen in akuten Lebenskrisen und Stresssituationen sollten sich lieber erst z.B. durch eine ambulante Psychotherapie stabilisieren, bevor sich daran denken, psychedelische Substanzen zu benutzen.

Risiken

Zu den gelegentlichen bis seltenen Risiken – oder eher Nebenwirkungen – der Psycholyse gehören bei körperlich ansonsten gesunden Menschen akute Angstreaktionen, Unruhe- und Verwirrungszustände während – sehr selten auch nach – einer psycholytischen Sitzung. Gelegentlich können nach einer Sitzung depressive Schwankungen oder eine psychologische Instabilität auftreten, die sich durch psychotherapeutischen Kontakt auffangen lassen.

Langfristige neurologische Schädigungen durch MDMA und ähnlichen Substanzen sind bei einer Frequenz von drei bis vier Sitzungen im Jahr für die Dauer einer zwei bis dreijährigen Behandlung mit einer normalen Dosierung eher nicht zu erwarten. Erst durch den Missbrauch dieser Mittel oder bei schädlichem Mischkonsum mit anderen Mitteln können sich langfristig negative Effekte (depressive Verstimmungen, verringerte Gedächtnisleistungen etc.) einstellen.

Streng zu beachten sind mögliche riskante Interaktionen mit bestimmten Medikamenten mit den Psychedelika. Dazu gehören vor allem bestimmte Präparate zur Behandlung von HIV-Infektionen, deren Einnahme im Zusammenhang mit MDMA und ähnlichen Substanzen ein tödliches Risiko beinhalten. Dies gilt auch für den gleichzeitigen Konsum von Phenetylaminen wie MDMA oder Meskalin mit MAO-Hemmern. Von Mischkonsum mit Aufputschmitteln sollte man ebenfalls absehen.

Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Risiko sind die zahlreichen wenig erforschten und daher eher unsicheren neuen psychoaktiven Substanzen. MDMA, LSD und Psilocybin sind trotz ihres Verbots recht gut erforscht und es liegen viele Erkenntnisse über potenziell schädigende Wirkungen vor. Dies ist bei den neuen Substanzen nicht der Fall. Hinzu kommt aufgrund der Schwarzmarktsituation eine fehlende Qualitätssicherheit und das Risiko von etwaigen Verunreinigungen oder Überdosierungen ist entsprechend hoch.

Buchtipp: Handbuch für den Drogennotfall

„Nachdem ich persönlich die letzten 50 Jahre mehr als viertausend psychedelische Sitzungen geleitet habe, habe ich große Ehrfurcht und Respekt für dieses Substanzen und ihr enormes positives wie auch negatives Potenzial entwickelt. Sie sind höchst wirkungsvolle Werkzeuge und wie jedes Werkzeug können sie fachkundig, unsinnig oder zerstörerisch eingesetzt werden. Das Ergebnis wird unweigerlich von Set und Setting abhängen.“ – Stanislav Grof

Die Begriffe „Set und Setting“ gehen ursprünglich zurück auf den amerikanischen Psychologen Timothy Leary, welcher in den 60er und 70er Jahren als Professor an der Harvard Universität im Rahmen seiner Forschung die Rahmenbedingungen für die psycholytische Arbeit erkannt und benannt hat. Unter den beiden Begriffen Set und Setting versteht man die inneren und äußeren Faktoren sowie deren Wechselwirkungen, welche maßgeblich für die Qualität der unter Drogeneinfluss gemachten Erfahrungen verantwortlich sind. Stanislav Grof übersetzte den Begriff Set mit „Erwartungsrahmen“ und Setting mit „Behandlungssituation“. Es geht dabei um die kritischen nicht-pharmakologischen Variablen, welche einen entscheidenden Einfluss auf die therapeutische Wirkung einer psycholytischen Sitzung haben und wie man sie kontrolliert.

Ganz allgemein versteht man unter Set alle Faktoren, die den inneren mentalen Bedingungen der beteiligten Personen zuzuordnen sind. Gemeint sind die inneren Kräfte, die Gedanken, Stimmungen, Erwartungen und Ängste über den Inhalt und Verlauf einer Sitzung. Die Haltung, mit der der Teilnehmer an eine Sitzung geht, die Themen, die er mitbringt und das Maß der Bereitschaft, sich auf die Erfahrung einzulassen, werden das Erfahrungsspektrum entscheidend bestimmen. Eine der Sitzung vorausgehende Vorbereitungsphase ist genau wie der mentale Hintergrund des Sitzungsleiters ein wesentlicher Aspekt, der sich auf die Haltung der Teilnehmer und damit auf die Qualität der Erfahrung auswirkt. Unter Setting versteht man die konkreten Bedingungen und äußeren physischen Umstände, unter denen eine Sitzung durchgeführt wird. Dazu gehören die räumlichen Bedingungen, der Ablauf der Sitzung, die Verabreichung der Substanz, die Musik und die Gestaltung des notwendigen Schutzraums.

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Wofür die Arbeit mit Katalytika gut ist:

– Adjunkt bei der Behandlung psychischer Störungen/Probleme (Depressionen, Ängste, PTBS etc.)
– Steigerung von Achtsamkeit, Selbsterkenntnis, Dekonditionierung und Werteorientierung
– Öffnung, Teilhabe, engagiertes Leben
– Stärkung von Verbundenheit mit sich, der Welt und anderen, Gemeinschaft (spirituelle Sichtweisen/Erlebnisse)


Und wofür nicht:

– Pharmakotherapie
– Machtmissbrauch und Gehirnwäsche
– Allheilmittel/Heilsversprechen
– Religiöser Kult/Sektenbildung