1. Warum hast du Psycholyse gemacht? Hattest du persönliche Probleme, warst du in Therapie oder warst du z.B. einfach neugierig?

Ich war aus eigener Initiative mehr als zehn Jahre lang in konventionellen Therapien (Psychoanalyse, Gesprächstherapie) wegen „normalneurotischen“ Problemen und daraus sich ergebenden Beziehungskonflikten. Summa summarum war dies ein sehr grosser zeitlicher, energetischer und finanzieller Aufwand, mit letztlich praktisch NULL Benefit! Für gewisse Leute mag diese Form der Therapie hilfreich sein, für mich war es reine Zeit- und Energieverschwendung. Zu einem Zeitpunkt entschloss ich mich nach Absprache mit dem Psychiater wegen meiner Symptomatik (Schlafprobleme, Angst), zusätzlich Quetiapin einzunehmen (ein atypisches Neuroleptikum). Von diesem Medikament kam ich nach 1,5 Jahren erst im 3. Anlauf mit grösster Mühe wieder los; es war ein unangenehmer und schwieriger Entzug. Unverständlich, dass so etwas als Medikament für diese Indikation zugelassen ist (bei offensichtlichen schizophrenen oder anderen psychotischen Störungen ist es natürlich eine andere Sache)! Dann endlich, nachdem ich schon fast 20 Jahre lang LSD im Hinterkopf hatte, aber durch die jahrzehntelange ausschließliche Negativpropaganda unserer Medien und die Illegalität zu viel Respekt und Angst hatte, kamen diese Substanzen zu mir. Ich nahm sie einige wenige Male in einem therapeutischen Setting ein und bin seither praktisch beschwerdefrei. Ich bin begeistert und gleichzeitig schockiert darüber, wie man dieses grosse therapeutische Potential jahrzehntelang brachliegen lassen kann, nur aus einem falschen Tabu heraus, welches wohl auf Angst, Unwissenheit und/oder Desinteresse derjenigen, die es nicht betrifft, beruht. Ich glaube, dass mit diesen Substanzen zahlreichen Menschen rasch, unkompliziert und vergleichsweise sehr billig geholfen werden könnte!

2. Wenn du Probleme hattest: inwieweit hat dir die Psycholyse bei deren Bewältigung geholfen? Was ist der Unterschied zu anderen Therapien? Wenn nicht: welchen Einfluss haben die Erfahrungen auf dein aktuelles Leben?

Mit Hilfe der Psycholyse habe ich die anstehende Arbeit von der intellektuellen auf die emotionale Ebene verlegen können. Jahrelanges Geschwafel in der Psychoanalyse (gewissermassen eine intellektuelle „narzisstische Nabelschau“) hätte ich mir durch einige psycholytische Sitzungen ersparen können und hätte möglicherweise viele Jahre mit besserer Lebensqualität gewonnen. Die Substanzen dienten als Katalysator, mit dem es mir möglich wurde, seit langer Zeit angestaute und unterdrückte unangenehme Emotionen (insb. Wut und Trauer) auszudrücken und so zu befreien. Durch die „mystisch-religiösen“ Erfahrungen habe ich ausserdem die Gewissheit einer grossen Verbundenheit mit allem, was ist (dem Sein) und Geborgenheit im Leben erfahren; es ist eine Ruhe in mich eingekehrt und ich bin mit mir selbst weitgehend im Reinen. Zudem konnten alte, jahrzehntelang brachliegende Talente wieder reaktiviert werden und ich bin beinahe täglich am Musizieren. Manchmal kommt es mir so vor, als ob ich eine Zeitreise gemacht hätte und nun an Weggabelungen, wo ich vor Jahren die eine Richtung eingeschlagen hatte, den anderen Pfad wählen und an etwas Altem, Hilfreichem und Vergnüglichem wieder anknüpfen kann.

3. Immer wieder liest man davon, dass Psycholyse Machtmissbrauch, Grenzüberschreitung und Scharlatanerie bedeutet. Wie siehst du das aus deiner persönlichen Erfahrung heraus?

Ich kann diese Behauptungen in keiner Art und Weise bestätigen.

4. Die Psycholyse bzw. die meisten dazu benötigten Substanzen sind ja verboten. Wie stehst du dazu?

Ich finde es grundfalsch. Sie sollten auf jeden Fall mindestens für den therapeutischen Gebrauch freigegeben sein, und zwar so bald wie möglich. Die psycholytische Therapie sollte eine legale Alternative zu anderen Psychotherapieformen sein. Zudem finde ich persönlich, dass ich als erwachsener Mensch selbständig entscheiden darf, was ich in meinen Körper geben will, und ob ich mein Bewusstsein erforschen möchte oder nicht. Wie kommt der Staat dazu, mir die Einnahme von LSD zu verbieten, und sei es auch nur zum Vergnügen?

Mein Beruf besteht darin, tagtäglich Krebserkrankungen zu diagnostizieren. Diese verlaufen bekanntermassen oftmals tödlich und sind je nach Krebsart in erster Linie durch den Gebrauch legaler, völlig frei zugänglicher, in hohem Masse Abhängigkeit erzeugender und krebserregender Substanzen verursacht, nämlich durch die langweiligen und schädlichen Drogen Tabak und Alkohol. Unsere Spitäler sind voller kranker Raucher und Alkoholiker! Wenn den Leuten also erlaubt ist, ihren Körper und/oder auch ihren Geist durch Tabak und Alkohol (oder abhängigkeitserzeugende, legale Medikamente wie z.B. Benzodiazepine oder Opiate) zu ruinieren, so muss es folglich auch legal sein, dass interessierte oder leidende Personen LSD und andere Psychedelika zu sich nehmen dürfen. Dies erst recht, da diese Mittel ja bei vernünftiger Anwendung bekanntermassen weder abhängig machen, noch sonstwie grösseren physischen oder psychischen Schaden anrichten – im Gegenteil! Es ist eine verkehrte Welt, in der das Schädliche legal und das Hilfreiche illegal ist. Ironischerweise wurde ja u.a. LSD in der Vergangenheit sehr erfolgreich beim Entzug von Alkohol eingesetzt, und Ibogain beim Opiatentzug.

Eine Legalisierung bedeutet ja nicht, dass jeder diese Substanzen nehmen muss, aber wer es tun will, der soll es straffrei machen dürfen.

J. V. (42), Oberarzt