Ich kam zum ersten Mal mit 17 Jahren mit LSD in Kontakt. Ich war zu diesem Zeitpunkt Sportler und kaufmännischer Lehrling. Ich trank keinen Alkohol und nahm auch sonst keine Drogen. Aber ich war todunglücklich und überzeugt, vollkommen unfähig und funktionsuntüchtig für die Welt zu sein, die ich als junger Mensch im Berufsleben vorfand. Und ich hatte Timothy Leary’s „Politik der Ekstase“ gelesen und war neugierig.

Und dann machte ich im klassischen Jugend-Untergrund-Setting der späten Sechziger eine Erfahrung, die mein Leben erheblich mitgeprägt hat. Ich kam mit einer Innenwelt (Jung nennt es das kollektive Unbewusste) in Kontakt, unermesslich reich und weit, und einer Klarheit, der ich mich anvertrauen konnte und wollte. Plötzlich sah ich das Künstliche, das Inauthentische und die verborgene Konkurrenz der Menschen in meiner Arbeitswelt. Und ich wusste, dass ich da nicht mitmachen werde. Die verbotenen Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Substanzen gaben mir im Lauf der Zeit die Möglichkeit, mich und meine Umwelt deutlich und schonungslos wahrzunehmen. Gleichzeitig öffneten sie den Zugang zur vertikalen Dimension unserer Existenz.

Später folgten Studium, parallel die Arbeit mit drogengefährdeten und drogenabhängigen jungen Menschen, und eine Arbeit über „Drogen im transkulturellen Vergleich“, mit der These, der kulturelle Kontext sei verantwortlich dafür, ob eine Substanz ‚gut’ oder ‚schlecht’ ist. Auf vielen Reisen und Studien konnte ich mich davon überzeugen, dass Substanzen, wie z. B. Ayahuasca (in verschiedenen brasilianischen Ayahuasca-Kirchen) oder Peyote (in der Native American Church) nicht schädlich oder gar gefährlich sind, sondern im Gegenteil wesentlich sind für die Entwicklung einer kulturellen Identität, und darin für eine stabile Individuation.

Auch gab es in den letzten 50 Jahren immer wieder legale Versuche und Projekte zum therapeutischen Umgang mit Substanzen, wie LSD und MDMA (z.B.Timothy Leary’s Arbeit mit inhaftierten Schwerverbrechern, Stanislav Grof im Prager Frühling und diverse Projekte zur Behandlung von traumatisierten Kriegsveteranen). Alle weisen darauf hin, dass gut ausgebildete Menschen, die über ausreichend Selbsterfahrung verfügen, hier in der Arbeit mit diesen verbotenen Substanzen einen außergewöhnlichen Beitrag leisten könnten.

Besteht eine Gefahr für Missbrauch? Ja. Und zwar im gleichen Maß, wie in allen anderen Lebenssituationen auch, wo Menschen Rat und Führung durch andere suchen. Das ist immer eine Frage der Integrität des jeweiligen Therapeuten, Arztes oder Lehrers.

Für mich ist die Psycholyse ein hochpotentes Werkzeug zur Dekonditionierung, und damit zur Neuorientierung und zu einer von Liebe gewagten Selbstbestimmung. Ihr Verbot halte ich für eine kulturelle Tragödie.

Jürgen Christian (64), Psychotherapeut (HPG)