Liebe Leserin,

gleich als erstes: ich habe keine Erfahrungen mit dem, was man wohl als professionelle Psycholyse bezeichnet. Dies ist ein Bericht über meine persönlichen bewegenden Erlebnisse mit LSD.

Unter schwierigen und unsicheren Bedingungen bin ich aufgewachsen – inklusive körperlicher und intensiverer psychischer Gewalt. Ich hatte schon seit meiner Kindheit immer wieder depressive Schübe und wurde, natürlich nicht wegen den Depressionen, sondern weil ich schwierig war, von meiner Mutter zum Psychologen geschickt. Zu einem ernstzunehmenden Erfolg hat das Ganze leider nie geführt. Als junger Erwachsener machte ich dann erste psychedelische Erfahrungen mit Cannabis und experimentierte etwas später auch mit Partydrogen (Alkohol, MDMA, Amphetamine, am liebsten alles zusammen plus Cannabis). Meine Neugierde und meine Suche nach Rauscherfahrung führten mich bald auch zu LSD – auf einem Festival, nach einer durchgetanzten Nacht auf Amphetaminen und MDMA nahm ich mein erstes „Ticket“. Aus heutiger Sicht wohl das denkbar schlechteste Set und Setting, was möglich war. Ich habe über ein Jahr gebraucht, um halbwegs zu verstehen, was danach mit mir passierte:

Ein Festival Anfang Mai, das Wetter durchwachsen und nachts sehr kalt. Wir kauerten zu sechst in einem Zwei-Personen-Zelt, als ich die ersten Optiken an der von außen beleuchteten zerknitterten Zeltplane entdeckte. Das Licht warf auf der Plane kleine feine Schatten, die anfingen, sich zu bewegen, Muster zu bilden; die Schatten veränderten sich, ich empfand das als eine Art Tanz. Die meisten meiner Freunde waren ebenfalls auf LSD oder anderen Drogen und redeten über Irgendwas – ich konnte den Gesprächen bald nicht mehr folgen und die Enge im Zelt und die Neugier auf den Tanz der Moleküle trieben mich schnell nach draußen.

Außerhalb des Zelts fand ich schnell die totale Überforderung. Trotz Dunkelheit leuchtete der ganze Zeltplatz in tausend Farben, und ich machte mich allein auf den Weg zum Festivalgelände. Fremden Menschen ging ich zu diesem Zeitpunkt bereits lieber aus dem Weg, manchmal sah ich im Augenwinkel, wie sich ihre Gesichter zu gruseligen Fratzen verzerrten. Große Angst breitete sich langsam aber sicher in meinem Geist aus. Trotzdem ging ich weiter zu Plätzen, auf denen sich noch mehr Menschen tummelten und dazu noch sehr laute, in meinen Ohren sogar grausame, brutale Musik spielte. Obwohl mir das ganze Szenario Angst einjagte, fand ich in diesem Moment Halt in Etwas, das ich sah: Tanzende Bäume.

Das Festival war natürlich für Menschen gemacht, die ihren Spaß u.a. an psychoaktiven Substanzen hatten. Dementsprechend war alles schön bunt geschmückt und ausgeleuchtet. Die bunten Bäume tanzten und leuchteten sich an, als wenn sie es nur für mich tun. Die Angst verschwand natürlich trotzdem nicht, und ich fühlte mich zusehends einsamer und ziemlich verloren zwischen Menschen, die ich nicht kannte. Auch kam mir der Gedanke, dass es bei der ganzen Veranstaltung einzig und allein um Spaß am Drogenkonsum ging und keineswegs um die schönen Dinge, die ich mir in meinem Cannabis verklebten Hirn vorher so idealisiert ausgemalt hatte. Partydrogen und „Hippie sein“ – wie passt das eigentlich ehrlich zusammen, fragte ich mich.

Im Lauf der Zeit, die ich so alleine zwischen den leuchtenden, „morphenden“ Schmucklaternen, den tanzenden Bäumen und mit dem Beobachten der Menschen um mich herum verbrachte, fühlte ich tiefer in mich hinein. Um genau zu sein, ließ mir das LSD gar keine andere Wahl, es Zwang mich quasi, mein mein Innerstes wahrzunehmen und meine vergrabenen Gefühle zu spüren. Sätze wie „Ich bin in meinem tiefsten Inneren allein!“, „Keiner liebt mich!“ – trommelten immer wieder durch mein Bewusstsein. Zeitweise war das Einsamkeitsgefühl so überwältigend, ich wusste nicht mehr, ob ich mir die Menschen um mich herum vielleicht nur einbilde. Dann kam auch Panik hoch. Prägnanteste Empfindungen des Abends sind geblieben: die krasse Einsamkeit (allein auf einer Nussschale im Meer in mir), Isolation, Angst vor anderen Menschen und vor allem Angst vor meiner Unfähigkeit zu überleben. Am Ende fand mich noch ein unbekanntes, nettes, weibliches Wesen. Sie hörte mir zu, versuchte mich abzulenken und brachte mich zum Tanzen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar 🙂

Nachdem ich es, völlig traumatisiert von den Erlebnissen der Nacht, wieder zu meinem Zelt geschafft hatte, war ich unfähig, mit irgendjemandem vernünftig zu kommunizieren. Also hab ich erstmal Joints geraucht, als wären es Zigaretten und habe mich für den Rest des Festivals in meinem Zelt verkrochen. Als wir dann schließlich am letzten Tag nach Hause wollten, ich war dumm und bin mit dem Auto zum Festival gefahren, musste ich natürlich Selbiges auch wieder nach Hause fahren. Zwar war ich nüchtern, aber natürlich war mein Urintest bei der obligatorischen Polizeikontrolle ziemlich bunt. Happy Birthday – MPU – ich muss ja immer jede Dummheit einmal selbst anstellen, dann treten Lerneffekte ein. ^^

Ich habe nach diesem intensiven Wochenende noch öfters LSD ausprobiert und es kam oft zu ähnlichen, angsthaften Zuständen, wenn auch bei Weitem nicht so stark. Natürlich bin ich vorsichtiger geworden und habe mir die Dosen jedesmal gut überlegt, auch wenn der Konsum natürlich trotzdem ein Glücksspiel bleibt. Die Suche nach der Quelle meiner Ängste hat mich dem LSD trotz allem immer wieder zugetrieben. Denn die Ängste sind für mich natürlich auch ohne den Einfluss der Substanz noch vorhanden. Sie schlagen sich seit den Empfindungen in jener Nacht für mich merkbar in meinem Leben nieder. In Verhalten, Strategien und einfach im Sein. Irgendwann kamen mir dann plötzlich Erinnerungen an Erlebnisse aus meiner Kindheit hoch, die mich anscheinend nachhaltig geprägt haben. Da hatte ich dann plötzlich mein Ur-Trauma gefunden – heureka. Jetzt muss ich mit diesem neu erfahrenen Wissen nur noch eine Therapie machen. Am liebsten natürlich mit LSD oder wenigstens mit Hypnose. In meinem Leben habe ich schon mit genug Psychologen gesprochen, an der Oberfläche gekratzt und an Symptomen wie Depressionen herumgedoktert. Wirklich intensiv erfahren habe ich mich nur durch LSD.

Ich hoffe meine kleine Geschichte ist ausreichend ansprechend geschrieben und passt in die hier gewünschte Thematik. Ich glaube, das war hier mein erster längerer Text, seit meiner Deutsch-Abschlussklausur 🙂

Viel Glück und viel Segen wünscht

LaLiLu