1. Warum hast du Psycholyse gemacht? Hattest du persönliche Probleme, warst du in Therapie oder warst du z.B. einfach neugierig?

Das Buch „Ins Herz der Dinge lauschen“ war der Türöffner für mein erstes psycholytisches Seminar. Ich hatte mich vorher viel mit Psychoanalyse beschäftigt, während des Studiums Literatur oft psychoanalytisch interpretiert und mich mit gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen sowie mit Marx’ Kapitalismuskritik beschäftigt. Freud, Reich und Karl Marx hatten meinen Geist und mein Denken beeinflusst. Das Menschenbild, das von der Möglichkeit erzählt, Neurosen und Psychosen zu überwinden und heiler zu werden, war neu für mich. Was in gesellschaftskritischen Kreisen als Utopie oder esoterische Heilsversprechen verschrien war, bekam hier einen wissenschaftlichen Hintergrund. Überzeugt hat mich darin das Schichtenmodell von Samuel Widmer über unsere menschliche Psyche. Es traf mein Gespür für das, was stimmt, deckte sich mit meinen Erfahrungen. Also kurz: Ich habe es gemacht aus Neugier und natürlich auch um in mir zu erforschen, was genau mich hemmt, mein Leben in die Hand zu nehmen, mit mir ins Reine zu kommen.

2. Wenn du Probleme hattest: inwieweit hat dir die Psycholyse bei deren Bewältigung geholfen? Was ist der Unterschied zu anderen Therapien? Wenn nicht: welchen Einfluss haben die Erfahrungen auf dein aktuelles Leben?

Die Psycholyse geht einfach tiefer. Ich spürte da gibt es etwas, an deren Ursache ich nicht rankomme, eine Gesprächstherapie hat mir nicht weiter geholfen. Die Erfahrung hat insofern Einfluss, dass ich mit Poblemen ganz anders umgehe. Es geht in der Psycholyse ja darum alle Gefühle, die hochkommen einen Platz zu geben, sie einfach zu spüren ohne damit etwas zu machen. Wenn ich das zulasse, d.h. alles, was kommt, fühle, dann lösen sie sich nach einiger Zeit auf. Beim Zen Buddhismus ist es ähnlich, glaube ich. Ich bin im Laufe meines Lebens viel gelassener geworden, einfach glücklicher und menschenfreundlicher, weil weniger wertend. Belastende Erfahrungen aus der Kindheit haben sich aufgelöst.

3. Immer wieder liest man davon, dass Psycholyse Machtmissbrauch, Grenzüberschreitung und Scharlatanerie bedeutet. Wie siehst du das aus deiner persönlichen Erfahrung heraus?

Gerade dann, wenn ich Substanzen genommen habe, bin ich viel sensibler in meiner Wahrnehmung und sehe, wenn jemand nicht authentisch ist oder eben versucht zu manipulieren. Und generell dieses Gespür dafür, wenn jemand vorgibt jemand anderes zu sein als er/sie ist, ist bei mir noch feiner geworden. Diese Sensibilität hat sich aufs alltägliche Leben übertragen.

4. Die Psycholyse bzw. die meisten dazu benötigten Substanzen sind ja verboten. Wie stehst du dazu?

Ausgewählte gut untersuchte Substanzen wie LSD, MDMA und Meskalin sollten in einem professionellen und geschützten Rahmen erlaubt sein, damit auch die Qualität der Substanzen besser kontrolliert werden kann, die Vertrauenswürdigkeit der Lieferanten gewährleistet und beobachtet wird. Hierzu gehört ja auch eine zuverlässige Dosierungsangabe. Ausserdem würde bei unerwarteten Zwischenfällen schneller ein Arzt gerufen. Ich selbst habe noch nie eine Sitzung mit irgendwelchen heiklen Zwischenfällen erlebt.

5. Hast du noch weitere Bemerkungen, die dir wichtig sind, sofern sie nicht durch die anderen Fragen beantwortet wurden?

Eine Folge dieses Verbots ist, dass unter anderem Rachegeistern, Neidern, Sensationshaschern ein freier Raum zur Verfügung steht. Ein Raum, in dem sie sich ungestraft und unhinterfragt bewegen können, gar Lügen verbreiten. Das ist nur vor dem Hintergrund möglich, dass diejenigen, die Substantielles zu berichten hätten, kriminalisiert werden, befürchten ihren Job zu verlieren. Auch würde ich Menschen davon abraten Psycholyse zu betreiben, die darauf aus sind „ekstatische Erfahrungen“ zu machen. Dieses Motiv wird oft von Unwissenden in den Medien herausposaunt wird. Die Psycholyse ernst genommen ist ein steiniger Weg, denn er beinhaltet die Konfrontation mit viel weggeschobenen Gefühlen. Wenn die nicht im Alltagsleben integriert werden, dann kann die Psycholyse kontraproduktiv sein. Wer also nur aus der Sehnsucht nach schönen Gefühlen Substanzen nimmt, nicht wirklich die Schichten seiner Psyche/Seele aufdecken, also auch die schmerzenden Erfahrungen und Gefühle noch einmal erleben will, der/die lässt lieber die Finger davon. Was letztendlich in einem Gespräch mit erfahrenen vertrauenswürdigen Psychologen aufgedeckt und geklärt werden müsste, kaum gesetzlich geregelt werden kann.

 Marie Luise (55), Lehrerin