Mit Anfang 30 erkannte ich, dass mein gegenwärtiges Leben in einer Sackgasse enden würde, würde ich so weiter leben wie bisher. Meine Eltern hatten damals schon Erfahrungen mit der Psycholyse und ermutigten mich, es einmal auszuprobieren. Nach den ersten beiden Sitzungen erkannte ich durch eine Tür gegangen zu sein und es gab keine Möglichkeit, wieder umzukehren. Dies verursachte große Ängste bei mir, und doch blieb ich dran.  Es brauchte etwa zwei Jahre bis ich die heilende Essenz der psycholytischen Methode für mich erkannt hatte. Zu dieser Zeit befand ich mich in einer klassischen Gesprächstherapie. Der Qualitätsunterschied beider Therapiemethoden bestand für mich darin, dass ich durch die Psycholyse an das eigentliche, dahinter stehende Gefühl heran kam, also mir meine Ausweich- und Abwehrmechanismen bewusst(er) wurden. Ein Ausweichen vor unangenehmen Gefühlen wurde mir durch die Psycholyse somit erschwert, so dass mir die einzige Möglichkeit blieb, diese unangenehmen Gefühle zu betrachten, mich in sie einzufühlen, bis sie sich von selbst auflösten oder ich eine Bereitschaft entwickelte zu akzeptieren, mit diesen Gefühlen auf Dauer leben zu können. Die Gespräche mit meiner Therapeutin hingegen empfand ich recht schnell als oberflächlich, distanziert und als nur einen kleinen Teil eines viel umfassenderen großen Systems.

Ich kann mich daran erinnern, wie ich als Jugendlicher im Alter von etwa 14 Jahren zutiefst darüber enttäuscht war, dass es scheinbar niemanden auf der Welt gab, der mir meine Fragen bezüglich Sinn des Lebens, Existenz und Tod hätte zufriedenstellend beantworten können. Auch fehlte mir eine Art „Gebrauchsanweisung für das Leben“. Alles was ich unterschwellig aus den erhaltenden Antworten erhielt war: „Das ist, woran ich glaube.“

Die Psycholyse liefert mir tiefe Einsichten und Erkenntnisse über das Mysterium Leben. Und doch bleiben sie nur kleine flüchtige Lichtblicke, sofern ich mich nicht immer wieder neu dafür entscheide, diese auch in meinem Alltag umzusetzen.

Auch heute bleiben mir etliche Fragen über das Leben unbeantwortet, doch erkenne ich, dass bereits die Antworten auch immer in mir zu finden sind. Meine Gefühle, einmal richtig im Gebrauch, „weisen“ mich durchs Leben.

Micha Pürschler (40), Sozialpädagoge/Sozialarbeiter