Oakland, 20.04.2017

Noch im Jetlag gefangen stehen wir heute früh im Marriott City Center in Oakland in einer langen Schlange, um in den Grand Ballroom zu gelangen, wo Dr. Michael Mithoefer zusammen mit seiner Frau Annie einen ganztägigen Workshop über die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) mit MDMA abhalten wird. Die Phase II Studien sind mittlerweile  abgeschlossen und die FDA hat die Phase III Studie mit über 200 Probanden bewilligt – die letzte Stufe vor einer möglichen Legalisierung dieser Behandlungsform. Erwartet wird dieser Schritt 2021.

Anwesend sind Therapeuten, Studenten, Ärzte, Krankenschwesterm, Anwälte, Tischler und ein Mann sagt, er sei mithilfe der MDMA-gestützten Therapie von seiner PTBS geheilt worden. Es ist für mich fesselnd, Dr. Mithoefer offen und freimütig über genau die Dinge sprechen zu hören, die mich so brennend interessieren. Wie er die therapeutische Haltung beschreibt, die möglichen Interventionen, die Zustände, durch die die Patienten während einer solchen Erfahrung gehen – hier lauschen ca. 250 Leute, die je 150$ für das Ticket bezahlt haben, gespannt seinen Ausführungen. Die Konferenz zählt über 3.000 Teilnehmer, ein Szenario, welches in Deutschland bisher undenkbar ist.

Die Amerikaner haben ein Problem: Von den 2,2 Millionen aus dem Irak und Afghanistan zurückgekehrten US-Soldaten leiden mehr als 650 000 an den traumatischen Folgen ihres Einsatzes. Aber es sind nicht nur Soldaten, die an der MAPS Studie teilnehmen, sondern auch ein Feuerwehrmann aus New York – traumatisiert durch die Anschläge auf das World Trade Center in New York 2001. Die Liste seiner Medikamente ist beeindruckend lang, geholfen haben sie bisher kaum. Wir schauen eine Videoaufzeichnung einer MDMA-Session eines Probanden und hören, wie sich dieser seinen inneren Dämonen stellt, wodurch sie zu seinen Freunden werden. „Folge der Medizin“, sagt Anne Mithoefer, und ermutigt den Probanden, sich für die MDMA-Erfahrung zu öffnen. Der junge Mann leidet seit Jahren an seiner PTBS und darf erfahren, dass sich seine Ängste auflösen, wenn er sie annimmt. Er erkennt, dass seine Aggressionen aus seiner Verschlossenheit sich selbst gegenüber resultieren. Das Publikum jubelt und applaudiert – und ist berührt. „Die schwierigen Sitzungen spielen eine wichtige Rolle bei den heilsamen Effekten“, sagt Michael Mithoefer. Genau darum geht es: lernen, mit dem zu sein, was ist, auch wenn es schwierig ist.

Mithoefer spricht in seinem Vortrag davon, wie eine Patientin sich unter MDMA die Haare gewaschen hat, weil ihr das so gut getan hat. Eine Frau aus dem Plenum steht auf und erzählt, dass sie eine Borderline Störung hatte. Nach drei MDMA Erfahrungen mit ihrem Therapeuten erfülle sie nun nicht mehr die Kriterien der Diagnose. Es mag sein, dass noch nicht genügend Probanden durch hochwertige Studien gegangen sind, doch die Argumente, die für diese Therapieform sprechen, sind solide und auch durch Studien über nicht-adjunktive achtsamkeitsbasierte Therapieformen gestützt. Warum interessiert sich die therapeutische Welt in Deutschland so gut wie gar nicht dafür?