Psycholyse bedeutet für mich, zu gesunden.

Viele Menschen haben Angst vor der Psycholyse und vor dem, was es auslösen könnte bzw. die Vorstellung, sie würden die Kontrolle gänzlich verlieren und wären dann ausgeliefert und willenlos. Dieses und die Angst vor tragischen Vorfällen sowie die unseriösen Medienberichte könnten uns abschrecken. Leider rückt dadurch das Wertvolle dieser heilenden Möglichkeit in den Hintergrund. Das ist aus meiner Sicht letztendlich für die Menschheit eine noch grössere Tragik. Denn auf dem üblichen, schulmedizinischen Weg der Psychotherapie – welche es ebenso und begleitend braucht – kann manches gar nicht heilen.

Mein altes Leben vorher

Bevor ich auf dem Weg der psycholytischen Erfahrungen war, bewegte ich mich bewusstseinsmässig in einem ganz kleinen, abgesteckten Feld. Alles, was ausserhalb meiner inneren und äusseren Grenzen war, fand ich nicht gut. Verbundenheit mit meinen Mitmenschen kannte ich nicht. Voll und ganz zu fühlen war mir nicht möglich. Meine Lebendigkeit war fast vollkommen unterdrückt und ich fühlte mich immer schuldig und falsch. Hinterfragende Denkweise kannte ich nicht und Selbsterkenntnis war etwas Anrüchiges. Alles, was nicht der Norm entsprach, verurteilte ich. Körperliche Nähe gab es nicht. Ich fühlte mich in ein unsichtbares Korsett gezwängt und war auf ungesunde Weise abhängig. Kurz, meine Individualität war dem Gehorsam geopfert.

Dann nahm das Schicksal meine Tochter und uns in die Knute. Bei meiner Tochter wurde Krebs festgestellt. Am Tag, als ich sie auf ihrem Sterbeweg begleitete, wurde mir mit einem Mal bewusst: Daran, was man mir bisher erzählt hatte, stimmte etwas nicht. Mit mir stimmte etwas nicht. Und mir war, als sie starb, als hätte mir jemand bei lebendigem Leibe und ohne Narkose ein Stück Herz herausgerissen. Die Gefahr einer tiefen Depression deswegen, aus der ich niemals herausfinden würde, machte mir Angst.

Mein Leben heute

Das war der Tag, an dem in mir wohl der Grundstein zum Forschen gelegt war. Ich begab mich auf den Weg der Selbsterkenntnis und der Psycholyse. Was mir das alles geschenkt hat, kann ich hier gar nicht umfassend aufführen. Und: Ich hatte das Glück, von exzellenten, seriösen, fachkundigen und liebevollen Begleitern und Begleiterinnen lernen zu dürfen. Bei dieser Arbeit ging und geht es u.a. immer wieder darum, dem Ego abzusterben. Das ist eine Art Sterbeprozess. Da beginnt es richtig und in der Tiefe zu fühlen, auch zu erkennen, was wirklich wahr und ist, und was nicht wahr und nicht ist. Ich durfte meine eigene Geburt nacherleben, ein ganz und gar eindrückliches, wertvolles Erlebnis für mich. Seither habe ich das Gefühl, dass ich ein Recht darauf habe, zu leben. Das hatte ich vorher aufgrund meiner massiven Konditionierung nicht. Es ist vor allem das Mitgefühl und die Wahrnehmung, welche ich gefunden habe. Mitgefühl ist nicht dasselbe wie Mitleid. Ich fühle mit meinen Mitmenschen, leide aber nicht daran. Nehme unmittelbar das Gefühl wahr, das gerade in ihnen vorrangig ist. Selbst dann, wenn sie mir irgendetwas erzählen, was damit nicht im Zusammenhang steht.

Heute lebe ich ein anderes Leben. Es ist runder geworden, liebevoller, interessanter, ernsthafter, wohlwollender, freier, schöner und weltoffener. Das bedingt, Eigenverantwortung für mein Leben zu übernehmen. Der Psycholyse habe ich zu verdanken, dass ich nicht in eine psychiatrische Anstalt musste, dass ich auf Medikamente gegen Depressionen verzichten konnte und letztendlich auch davor, lebend tot zu sein. Vieles konnte heilen, was in der Vergangenheit meine Seele verwundet hatte. Das möchte ich unter keinen Umständen missen! Meine Einstellung zum Gesunden ist, dass ein jeder Mensch für sich in Anspruch nehmen darf, was ihm zur Heilung verhilft und dazu gehört für mich auch die Psycholyse.

Silvia Burren, 57, Sterbe-, Trauer- und Lebensbegleiterin