1. Warum hast du Psycholyse gemacht? Hattest du persönliche Probleme, warst du in Therapie oder warst du z.B. einfach neugierig?

Seit ich denken kann, habe ich mich für all das interessiert, was verboten oder zumindest tabuisiert ist. Von einem unbändigen Drang getrieben Grenzgebiete zu erforschen, hatte ich das Glück, meinen Forscherdrang an einer speziell naturwissenschaftlich orientierten Schule auszutoben. Dort traf ich Mitschüler, die wie ich psychoaktive Substanzen ausprobieren wollten. Wir lasen Bücher von Aldous Huxley, Carlos Castaneda, Nietzsche und Sartre und begeisterten uns für die psychedelische Musik der Doors, Pink Floyd und der Beatles. Mit 17 Jahren nahmen wir gemeinsam in der freien Natur LSD ein, was mich so tief erschütterte, dass ich viele Jahre gar keine Substanzen mehr konsumierte. Mit 24 Jahren geriet ich in eine schwere Krise, mit tiefer Orientierungslosigkeit, sowie schweren Angst- und Panikzuständen und begann eine Analyse nach C.G. Jung, die mir auch half, mich besser zu verstehen, mich später aber dann auch langweilte. Über das Verbot, während der Analyse keine psychoaktiven Substanzen zu nehmen, musste ich mich dann hinwegsetzen, als mich meine erste grosse Liebe, die ich während des Psychologiestudiums getroffen hatte, zu einer „Reise“ einlud, die ihr Partner – ein Psychotherapeut und von Samuel Widmer zum Psycholysetherapeuten ausgebildet – für seine KlientInnen durchführte. Ich war verliebt und wollte unbewusst in einem sicheren Setting an meine früheren Experimente anknüpfen.

2. Wenn du Probleme hattest: inwieweit hat dir die Psycholyse bei deren Bewältigung geholfen? Was ist der Unterschied zu anderen Therapien? Wenn nicht: welchen Einfluss haben die Erfahrungen auf dein aktuelles Leben?

Durch die erste „Reise“ habe ich erfahren, dass ich geliebt bin, dass es das Leben gut meint mit mir.  Das hat mir sehr geholfen, mich in mir zu verankern und mich anzunehmen, ein Lichtblick nach jahrelangen Depressionen. Zaghaft begann ich, dem Leben zu vertrauen, mehr und intensiver zu fühlen. Auch liess ich mich auf eine längere Beziehung ein.
Als „Fachmann“ würde ich sagen, dass nicht die Therapien heilen, sondern Heilung immer über und durch Menschen geschieht. Ich habe vor allem von Therapeuten gelernt, die einen eigenen Weg gegangen sind und die daher etwas zu sagen und zu geben hatten. Therapiemethoden haben mich nie interessiert.
Die Psycholyse ist, wenn man es so ausdrücken möchte, die Königsdisziplin in der Psychotherapie. Sie sagt: „Wenn Du Dich auf mich einlässt, dann schenke ich Dir ein neues Leben“. Dafür fordert sie einen hohen Preis: Das Ich. Es geht ums Ganze und das unterscheidet die Psycholyse von allen anderen Therapien, die doch immer irgendwo eine Grenze machen. Indem man immer mehr lernt,  Wirklichkeit zu sehen, desto mehr will man, dass das eigene Leben durchflutet ist von Wahrheit. Mit weniger kann man sich nicht zufrieden geben. Als Psychotherapeut kann man Menschen nur das spiegeln, was man in sich selbst erkannt und integriert hat. Nur jemand der weit gegangen ist, kann andere Menschen allenfalls auch in die Weite führen. Da hat die Psycholyse als Therapieverfahren sicher einen viel höheren Anspruch als als andere Methoden.

3. Immer wieder liest man davon, dass Psycholyse Machtmissbrauch, Grenzüberschreitung und Scharlatanerie bedeutet. Wie siehst du das aus deiner persönlichen Erfahrung heraus?

Na ja, seit dem Ende der Bewilligung für den legalen Gebrauch von MDMA und LSD in der Schweiz  Anfang der 90er Jahre verschwand die Psycholyse mit diesen Substanzen in den Untergrund.
Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, denn von nun an gab es die gesetzliche Einstufung der Psycholyse als illegal und strafbar. Alles Subversive ist irgendwie grenzüberschreitend und stellt bestehende Machtverhältnisse natürlicherweise in Frage. Das gehört gewissermassen zum System.  Dass dies möglicherweise auch unlautere Menschen anzieht, welche das Potential psychoaktiver Substanzen für Machtmissbrauch benutzen, will ich gar nicht abstreiten, dies wird aber in der Regel schnell sichtbar und fliegt schneller auf als bei „herkömmlichen“ Therapiemethoden, wo sich viel Unreifes und wenig Reflektiertes tummelt. Jedenfalls bin ich auf einige Vertreter der „angepassten“ Psychotherapie  getroffen, denen es eindeutig an tiefem Verständnis und vor allem an Liebe mangelt und die ihren Patienten daher gar nicht wirklich helfen können. Da fehlt es doch überwiegend an Selbsterkenntnis; und genau das öffnet doch dem Machtmissbrauch und der Grenzüberschreitung Tür und Tor. So ist auch der enorme Einfluss der Pharmaindustrie zu verstehen, welche überwiegend die ganzen Wirksamkeitsstudien finanziert.

4. Die Psycholyse bzw. die meisten dazu benötigten Substanzen sind ja verboten. Wie stehst du dazu?

Das  ist wiederum ein sehr vielschichtiges Problem, wozu man sehr viel sagen könnte. Psychedelika lassen sich nicht verbieten. Trotz Verbotes gab es auf dem Markt noch nie so viele psychoaktive Substanzen, wie zur Zeit. Wobei die Prohibition immer „hinterherhinkt“: Eine Substanz wird immer erst nach dem sie von Neugierigen ausprobiert und dann bekannt wird, verboten.
Was schade ist, weil es sinnvoller wäre, deren Potential wie auch deren Gesundheitsschädlichkeit zu erforschen. Gleichzeitig ist es aber auch dumm, weil man damit künstlich einen Markt erzeugt, der ständig neue unberechenbare „research chemicals“ erst hervorbringt. Viele Menschen würden gar nicht erst mit weitgehend unbekannten Substanzen experimentieren, könnten sie auf die bewährten, aber leider verbotenen Substanzen zurückgreifen.
Aber eben: Dann würde auch sichtbar werden, dass die Gefährlichkeit psychoaktiver Substanzen masslos übertrieben wird. Dazu gibt es in der Zwischenzeit auch jede Menge (seriöser) Studien. Viele Jahrzehnte legaler und illegaler Psycholyse beweisen – entgegen der momentanen Medienmeinung – der Nutzen überwiegt bei weitem den Schaden. Die gerade in den Medien berichteten Vorfälle müssen viel eher als eine direkte Folge des Verbotes der Psycholyse und der dafür eingesetzten Substanzen gesehen werden, als dass sie der Psycholyse selbst anzulasten wären.
Solange Substanzen aus dem Untergrund bezogen werden müssen, gibt es das Problem schwankender Reinheit und Konzentration, sowie Fehler beim Abwiegen potentiell kleiner Substanzmengen. In der momentanen Hexenjagd fällt auf, dass eine meiner Überzeugung nach sehr seriöse und vor allem hochwirksame Heilmethode mit unseriösen Argumenten verleumdet und fertiggemacht wird.
Daher ist es an der Zeit, dass man über Psycholyse redet, damit deutlich wird, was Psycholyse nicht ist, nämlich keine Ausrede für Fahrlässigkeit im Umgang mit psychoaktiven Substanzen.

Andreas (51), Psychotherapeut, Musiker

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