Ich besuchte das SÄPT-Symposium am 10.09.2015 in Münchenstein. Thema war „Bewusstseinsveränderung und Psychotherapie“. Schon in der Begrüssung und Einleitung griff Peter Gasser zu markigen und beschwörenden Worten. Er stellte die Pycholyse dar in einem Feld zwischen herausragenden und vielversprechenden Heilungschancen auf der einen, und Todesfälle in Berlin und Berichte über guruhaftes Auftreten und Abhängigmachen von Klienten auf der anderen Seite. Wobei er dies in den Mund einer anonymen Pressestimme legte.

Im ersten Vortrag fasste Juraj Styk, Vorstandsmitglied fast seit Beginn der SÄPT, die Geschichte von LSD und von der SÄPT kurz zusammen. Er lobt den aussergewöhnlichen Mut von Albert Hofmann, der nach einer zufälligen Laborintoxikation einen Selbstversuch mit dem vermuteten Stoff unternommen hatte. Wohl manch anderer Chemiker hätte die Finger davon gelassen. Er lobte Samuel Widmer für die gute Ausbildungsgruppe, die er für die SÄPT-Mitglieder durchgeführt hatte. Später habe er (Widmer) der SÄPT Schwierigkeiten bereitet, weil er sehr fordernd gegenüber dem Bundesamt für Gesundheit aufgetreten sei. Etwas verdreht wirkt diese Aussage, wenn man von Widmer liest (Widmer¹, S. 25. ff), dass seine Hartnäckigkeit gegenüber dem BAG überhaupt erst den Weg ebnete für die Bewilligungen zur psycholytischen Therapie.Der nächste Referent war Prof. Matthias E. Liechti, ein klinischer Pharmakologe, der in Basel LSD nach neusten klinischen Guidelines untersucht. Er hat mit Psychiatrie und Psychotherapie gar nichts am Hut. Er gibt den Probanden einfach den Stoff und beobachtet, was das mit ihnen macht. Spannend waren seine Vergleiche, dass LSD genau wie MDMA empathogene Eigenschaften hat, während z.B. Ritalin in den gemessenen Skalen „Experience of Unity, Spiritual Experience, Blissful State, Insightfulness“ nicht anders war als Placebo. Es wurde deutlich, dass Ritalin für die Psycholyse als ungeeignet eingestuft werden muss.

Prof. Thorsten Passie beeindruckte mit einem ungeheuren Sprechtempo und mit vielen fundierten Fakten. Er beschrieb, wie er mit seinem Forschungsansatz „LSD bei Cluster- Kopfschmerzen“ bei den amerikanischen Behörden kein Gehör fand: „We had Leary here“, meinte einer der Beamten. Er suchte also nach einem nicht halluzinogenen LSD- Abkömmling und wurde im 2-Bromo-LSD fündig. Mit diesem durfte er dann forschen und hat Resultate erzielt, die diejenigen von LSD sogar übertrafen und alle bisherigen Therapieansätze bei diesem Leiden in den Schatten stellen. Die Frage aus dem Publikum, ob er es denn nie bereut habe, dass er das LSD aufgegeben hat und mit dem „kastrierten“ Bromo-LSD weitergeforscht hat, hat ihn sichtlich angehalten, wenn nicht sogar mit Wehmut erfüllt. Auch andere Referenten wie z.B. Peter Gasser hatten den Impuls, noch ein Statement dazu abzugeben, dass dies ja für die Patienten gut sei und von ihnen gewünscht werde. Im zweiten Teil des Vortrags sprach Passie über die antidepressive Wirkung von Ketamin-Infusionen bei schwerer rezidivierender Depression. Die Resultate waren nicht berauschend. Die Wirkung hielt nur etwa 2-3 Tage an und es wäre alle zwei Tage eine Infusion nötig. Die Hälfte der Patienten haben am Ende angegeben, nie wieder freiwillig Ketamin zu akzeptieren.

Nach der Mittagspause erzählte Vanja Palmers so in etwa das gleiche wie am Avanti- Kongress für Alternative Psychiatrie, Echte Psychotherapie und Psycholyse im Juni 2013. Er ist zwar ein sympathischer und angenehmer Redner, aber für einen, der 10 Jahre in einem Zenkloster ausgebildet worden ist, hat er für meine Begriffe immer noch ziemlich viel Ich-Anhaftung. So war er auch der einzige, der seine Vortragszeit masslos überzogen hatte. In dieser Overtime fand dann kurz noch die Psilocybin-Studie Erwähnung, die er in Zusammenarbeit mit Franz X. Vollenweider von der Uni Zürich an Meditationsteilnehmern in seinem Zen-Zentrum Felsentor auf dem Rigi durchgeführt hatte. Die Resultate seien noch nicht publiziert. Seine eigene Beobachtung war, dass es denjenigen, die Psilocybin erhalten hatten, schwerer gefallen sei, der engen Struktur der Meditionsanleitung zu folgen (30 Minuten Sitzmeditation im Wechsel mit 10 Min Gehmeditation). Unter denen, die das Placebo erhalten hatten, hatten einige grosse Frustrationen, dass sie „nur“ Placebo erhielten. Es werde jetzt geschaut, dass diese eventuell im Rahmen dieser Studie die andere Erfahrung noch mitmachen können. Er appellierte auch an das Bewusstsein für die anderen Lebewesen auf diesem Planeten und teilte folgende beeindruckenden Zahlen mit: von der Biomasse aller Wirbeltiere auf der Erde macht der Mensch 32 % davon aus. Die vom Menschen genutzten Nutztiere machen weitere 65 % aus. Es bleiben noch 3 % für die frei lebenden Wildtiere.

Als nächstes stellten Peter Oehen und Peter Gasser ihre Studien zu MDMA bei Posttrau- matischer Belastungsstörung, beziehungsweise LSD bei lebensbedrohlichen Erkrankungen vor. In Oehens Studie machten alle Probanden weitere Fortschritte und Verbesserungen des Zustands, obwohl sie zuvor mit durchschnittlich 18 (!) Jahren Therapieerfahrung als therapieresistent galten. Die Beschreibung des Versuchsaufbau weckte in mir die Assoziation eines Kanninchenstalls, in den er sich pferchte, um darin ein bisschen „frei zu atmen“, sprich MDMA anzuwenden. Für mich war da klar, dass selber Forschung zu betreiben kein erstrebenswertes Ziel für mich ist. Zum Schluss zeigte er noch ein Bild seines Gruppenraums, in dem die Studie durchgeführt worden ist – mit einem Blumenbild von Samuel an der Wand.

Peter Gasser verzichtete darauf, die Ergebnisse seiner Studie zu präsentieren und zeigte stattdessen ein Fallbeispiel einer Patientin, für die er eine Sonderbewilligung des BAGs zum Einsatz von LSD im Einzelsetting erhalten hatte. Er zeigte einen eindrücklich Wandel der Patientin mit Missbrauchserfahrung, ausdrückt in Bilder und Zitaten von Sitzungsprotokollen. Sehr schön zeigten diese auch auf, wie die Patientin in der LSD Erfahrung auch Unsicherheiten des Therapeuten wahrgenommen hatte (was er auch so berichtete) und dass sie sich dann aber entschieden hatte, ihm zu vertrauen, dass er das mit ihr durchstehen würde. Thorsten Passie fügte noch eine wissenschaftliche Beurteilung der beiden Studien hinzu und erläuterte die Wirkmechanismen von Psycholyse. Er stellte klar, dass Peter Oehen zwar richtigweise gesagt hatte, er habe dieselben Therapiefortschritte erzielen können wie mit einer Verhaltenstherapie. Seine Studienpopulation war jedoch therapieresistent oder – refraktär und hatte mit den gängigen Therapiemethoden, wie auch mit Medikamenten keine weiteren Fortschritte mehr gemacht. Bei der Studie von Peter Gasser hob er hervor, dass bei den Teilnehmern nicht nur die Zustandsangst abnahm, sondern auch die persönlichkeitsinhärente Angst. Diese galt bisher als mit Psychotherapie oder Medikamenten nicht beeinflussbar.

Der letzte Vortragende war Michael Mithoefer aus Charleston in South Carolina, USA. Er berichtete über die vom MAPS (Multidiciplinary Association for Psychodelic Studies) gesponserten und koordinierten Studien zu MDMA bei Posttraumatischer Belastungsstörung. Ziel sei es, MDMA zu einem verschreibungspflichtigen Medikament für diese Indikation zu machen. Er liess vor allem auch die Teilnehmer durch Zitate aus ihren Protokollen sprechen. Die Teilnehmer in seiner Studie waren alle als therapieresistent bei mindestens einer evidenzbasierten Traumatherapie eingestuft worden. Einige berichteten, dass MDMA ihnen das Leben gerettet hatte, weil sie kurz vor dem Suizid standen oder diesen schon geplant hatten.

In den Schlussworten kam zum Ausdruck, dass es doch sehr wünschenswert wäre, wenn man das Handwerk des Psycholysetherapeuten in einer Ausbildung erlernen könnte. Peter Gasser nahm sich dieses Wunsches an. Mit keinem Wort erwähnte er, dass Samuel Widmer diese Ausbildung schon seit jeher anbietet und alle Mitglieder der SÄPT bei ihm diese ge- nossen hatten. Als frommen Wunsch formulierte Gasser noch, dass LSD in Zukunft nicht nur den Kranken sondern auch den Gesunden in legaler Weise zur Verfügung stehen sollte.


Mein Fazit

Zu Beginn war eine wärmere und herzlichere Atmosphäre spürbar als ich dies sonst von solchen Fachtagungen kenne. Viele Leute untereinander schienen sich zu kennen. Auch ich traf einige bekannte Gesichter, vereinzelt auch aus der Psychiatrischen Klinik Solothurn. Die ganze Wissenschaftsdebatte weckte in mir den Eindruck, dass es vor allem um Anpassung an bestehende Machtstrukturen und Anerkennung vom „Vater“ oder der „Mutter“ geht. LSD und MDMA werden in eine enge Zwangsjacke (klinische Überwachung, 1:1-Setting, nur 3 Sitzungen pro Patient) gesteckt, um dann den Autoritäten (Behörden, etc.) zeigen zu können, dass das Ding doch gar nicht so gefährlich sei und sie es doch bitte akzeptieren mögen.

Dekonditionierung heisst bei Passie „Deschematisierung“. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass es sich dabei um rein persönliche Phänomene handelt, wenn jemand gewisse Schemata hat, die allenfalls einer Genesung abträglich sind. Dabei geht verloren, dass wir vor allem unter weitreichend wirksamen gesellschaftlichen Konditionierungen leiden und das LSD die Kraft hat, diese sichtbar zu machen und vielleicht auch zu sprengen.

Ich glaube, die Arbeit der SÄPT dient wohl dennoch der Befreiung und Rehabilitation dieser Sakramente, wobei sich diese in einem weiteren Schritt auch aus der Zwangsjacke der Anpassung, die ihnen die SÄPT angelegt hat, befreien müssen und wohl auch werden. Die etablierte Wissenschaft ist bloss noch der Kokon, aus dem sich das Neue wie ein Schmetterling befreit. Zwar braucht der Schmetterling den Kokon als Schutzraum für seine Wandlung und als Widerstand, ohne diesen er nicht zum voll entfaltenen Imago wird. Doch am Ende ist der Kokon nur noch leblose Hülle, während der Schmettling fliegt. Ernst genommene LSD-Forschung sprengt den Rahmen der üblichen Wissenschaft. Darauf hat schon Stanislav Grof in seinem Buch Geburt, Tod und Transzendenz² (S.13 ff) hingewiesen. Etablierte Wissenschaft ist selbst eine Konditionierung, die LSD aufzudecken vermag. Auf dem Boden der LSD-Forschung und der Erkenntnisse der Quantenphysik ist das Konstrukt „Objektivität“ in der Wissenschaft nicht mehr länger aufrecht zu erhalten. Es gibt kein Beobachtetes, das unabhängig vom Beobachter ist. Die Ergebnisse sind nicht zu vergleichen, wenn auf der einen Seite Prof. M. Liechti unter Aufsicht einer „neutralen“ Studienärztin Probanden LSD verabreicht oder wenn auf der anderen Seite dies in einem therapeutischen oder schamanischen Kontext geschieht.

Leben heisst, mit der Veränderung zu gehen, nicht Sicherheit in festen Strukturen zu suchen, da es die nicht gibt, sondern Vertrauen finden im Sich-Einlassen auf das Unbeständige.

Manfred Dreier

¹ Widmer, P. S. (2013): Psycholyse. Bis das der Tod uns scheidet… Editions Heuwinkel, Allschwil
² Grof, S. (1985): Geburt, Tod und Transzendenz. Kösel-Verlag, München

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