Fragen an den Filmemacher Dirk Liesenfeld zur Dokumentation „Psychedelic Therapy/Psycholyse“

Warum interessierst Du Dich für die Psycholyse und was war für Dich der Auslöser, diesen Film zu produzieren?
Ich beobachte schon seit vielen Jahren die Entwicklung der psychologischen Arbeit – sowohl die Forschungen in Amerika, als auch die Untergrundbewegung in Deutschland und der Schweiz. Die Todesfälle in Berlin haben mich sehr betroffen gemacht und welches Medienecho das ausgelöst hat. Speziell die Angriffe auf Samuel Widmer empfand ich in dem Zusammenhang teilweise fern jeglicher Vernunft. Aber der eigentlich Auslöser war, dass ich mit Entsetzen beobachte wie es – vor allem in Deutschland – mehr und mehr Trend wird psychologische Sitzungen anzubieten, ohne, dass die Veranstalter wirklich dafür qualifiziert wären. Manchmal hat es den Eindruck, dass es halt ein Trend ist, dem man dann einfach folgt. So bietet man dann auf einmal kein Seminar für Reiki z.B. mehr an, sondern Reiki in Verbindung mit der Einnahme von Ayahuasca. Dabei werden – weil einfach die Erfahrung der Leitung fehlt – die wichtigsten Grundregeln von Set und Setting missachtet und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zu Unfällen kommt. Die dann wieder der Psycholyse schaden. Psycholytische Substanzen sind hoffähig geworden; was ja einerseits super ist, andererseits aber eben zu einem nachlässigen Umgang führt.

An welches Publikum hast Du bei Deinem Film gedacht? Wie lautet seine wichtigste Botschaft?
Ich habe den Film für die Menschen gemacht, die noch keine festgefahrene Meinung bezüglich der PT haben. Der Film hat keine Botschaft – er soll nicht manipulieren. Er soll aufzeigen, damit jeder sich eine eigene Meinung auf der Basis der Fakten machen kann.

Der Film beschäftigt sich im ersten Teil u.a. mit der Arbeit des Forschungsinstitutes MAPS in Kalifornien, welches zusammen mit den dortigen Gesundheitsbehörden für 2021 eine Freigabe von MDMA für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung anstrebt. Wie schätzt Du die Chancen ein, dass die Psycholyse in ein paar Jahren für die Menschheit wieder im gesetzlichen Rahmen verfügbar ist?
Ich denke, dass MDMA binnen 4-5 Jahren in USA freigegeben wird und in Deutschland binnen 6-8 Jahren. Allerdings – vor allem in Deutschland sicherlich nur für schulmedizinische Ärzte in Verbindung mit einer Zusatzausbildung. Das wäre zwar meiner Ansicht nach nicht die optimale Lösung, aber besser als nichts. LSD wird wohl niemals freigegeben werden. Es macht die Menschen zu sehr zu unangepassten Menschen und das ist sicherlich so nicht gewollt. Politische Entscheidungen sind stets das Resultat wirtschaftlicher Abwägungen und bei MDMA fällt die positiv aus, da hunderttausende PTBS-geplagter Patienten wieder arbeitsfähig gemacht werden könnten. Bei LSD würden wohl sehr viele Menschen aus dem bestehenden System herausfallen. Das System will sich aber selbst erhalten und so wird es niemals LSD freigeben.

Dr. Richard Miller aus Kalifornien war ein Weggefährte und Freund von Timothy Leary und ist ja so etwas wie ein „Psychedelischer Haudegen“. Wie war es, einem Zeitzeugen der Hippie-Kultur und der Aufbruchsstimmung der 60er Jahre zu begegnen?
Ach – ganz entspannt. Mich hat beeindruckt wieviel Agilität Richard ausgestrahlt hat, trotz seines hohen Alters. Er wirkte von seiner Energie wie ein Mann um die 40.

Im zweiten Teil Deiner Doku kommen dann ein paar Stimmen aus Europa zu Wort, vor allem aus der Schweiz. Siehst Du zwischen den Vertretern der USA und von Europa irgendwelche Unterschiede oder Parallelen in ihren Ansichten über die Psycholyse?
Naja, in USA geht es ja eher um einen streng wissenschaftlichen Ansatz, in welchem die Patienten mit MDMA nach ganz klaren Ablaufplänen behandelt werden. Es geht praktisch ausschließlich um die Heilung von MDMA in möglichst kurzer Zeit. In Europa steht da deutlich mehr die Selbsterkenntnis im Vordergrund – also eine spirituelle Herangehensweise. Das heißt nicht, dass es diese Bewegung in Amerika nicht gäbe, ganz im Gegenteil. Doch gerade die FDA-initiierte Forschung dreht sich nur um ersteres.

Dirk Liesenfeld

Dirk Liesenfeld

Dr. Samuel Widmer, der wohl prominenteste europäische Vertreter der Psycholyse, gilt bekanntlich sowohl beruflich als auch gesellschaftlich als eine umstrittene Persönlichkeit. Die Menschen um ihn herum werden von manchen als Sekte bezeichnet. Was war Dein persönlicher Eindruck vor Ort?
Naja, in Amerika ist Samuel Widmer eher unbekannt. Da sind andere Menschen bekannter – vor allem diejenigen, die Teil der FDA-Studien sind. Aber zur Frage: Ich empfand Samuel ähnlich wie Richard: ein ruhiger, kraftvoller und intelligenter Mann mit einer freundlichen Ausstrahlung. Ich empfand Samuel in seinem Privatleben eher als unauffällig. In dem Seminarsetting, welches wir ja auch gefilmt haben, merkt man dann aber schon eine sehr charismatische Ausstrahlung. Aber auch da – deutlich unspektakulärer, als man so jetzt vielleicht projizieren könnte. Generell habe ich die Gemeinschaft in Lüsslingen als sehr gastfreundlich und angenehm empfunden aber schon auch sehr auf Samuel konzentriert als geistiger Führer. Sektoid habe ich es nicht erlebt, ich empfand alle Menschen, die ich getroffen habe als selbstbestimmt.

Du hast in Deinem Film neben dem potenziellen Nutzen auch die Gefahren der Psycholyse thematisiert. Wie stehst Du zum generellen Verbot der für die Psycholyse gebräuchlichsten Substanzen? Wie können Deiner Meinung nach interessierte Anwender vor gesundheitlichen Schäden am besten geschützt werden?
Gute Frage. Ich habe dazu tatsächlich keine fertige Meinung. Ich will es mal so sagen: am besten kann man sich dem Thema vielleicht nähern, wenn man sich überlegt, wie man es mit seinen eigenen Kindern handhaben würde. Mein Sohn ist jetzt gerade in dem Alter, wo er illegale Drogen ausprobiert. Ich weiß das, wir sprechen darüber. Und er spricht vor allem deshalb mit mir darüber, weil er weiß, dass ich es ihm nicht verbiete oder gar dafür bestrafe. Doch ich habe ihm auch keine generelle Freigabe erteilt. Ich habe ihm die Auflage erteilt, dass er seinen Konsum selbst reguliert in einer Weise, die seine schulische Karriere nicht verunmöglicht. Was das dann wieviel und wie oft ist, muss er selbst herausfinden. Er lernt auch mit den illegalen Substanz den Umgang und so sollte es sein, finde ich. Über harte Drogen haben wir auch offen gesprochen und die sind für ihn kein Thema. Er lernt seinen Umgang mit Alkohol, er lernt seinen Umgang mit Marihuana und er lernt seinen Umgang mit allem anderen, was ihm so begegnet. Er interessiert sich jetzt auch für Substanzen wie Ecstasy und LSD – doch hat er davor einen Heidenrespekt und das ist auch gut so. Ich fände es gut, dass er solche Substanzen nicht auf Parties schmeißt, sondern in einem guten Setting und mit Substanzen, die rein sind. Glücklicherweise gibt es diese Möglichkeiten, so dass er so seine Erfahrungen machen kann. Denn machen wird er sie – so oder so. Und dann doch lieber in einem möglichstgutem Setting, oder?

Hast Du eigentlich selbst auch Erfahrung mit der Psycholyse gemacht? Wenn ja, was hat es Dir gebracht? Wenn nicht: bist Du nicht neugierig geworden während der Dreharbeiten?
Ja, ich habe meine eigenen Erfahrungen schon vor vielen Jahren gemacht. Ohne sie, würde ich heute nicht das Leben führe, wie ich es tue: Frei und gleichzeitig verantwortlich für meine Familie und Freunde. Kreativ und gleichzeitig auf dem Boden der (finanziellen) Tatsachen. Verbunden mit der Liebe und in gutem Umgang mit der Angst in der Welt und damit auch in mir.

Was war bei der Herstellung die besondere Herausforderung und was hat Dir besonders viel Freude bereitet?
Ich mag nicht so gern die Büroarbeit. Und ich mag sehr gern die kreativen Passagen. Aber ich weiß, dass es beides braucht. Kreativität ohne eine gewisse Form der Disziplin wird nichts in der Welt manifestieren. Und Disziplin ohne Kreativität wird nichts Schönes zustande bringen. Aber nochmal spezieller: der schlimmste Moment war, als nach dem ersten Drehtag die SD-Karte kaputt war und alle Interviews verloren. Das war echt heftig, weil ich nochmal die Geduld der Menschen in Anspruch nehmen musste und auch die Angst überwinden musste, dass man mich für einen Pfuscher hält. Der schönste Moment war, als der Film fertig war und ich ihn in die Welt entlassen habe. Das war, als ob ein Kind jetzt endlich flügge geworden ist und seine eigenen Schritte in die Welt macht. Solche Momente gehören meiner Ansicht nach zu den besten im Leben.

Du scheinst ein richtiger Tausendsassa zu sein: Du gibst Selbsterkenntnis- und Tantra-Seminare, veröffentlichst in regelmäßigen Abständen Video-Podcasts, und von der Idee bis hin zur finalen Produktion inklusive Filmmusik hast Du die Dokumentation ganz alleine hergestellt. Woher hast Du all diese Fähigkeiten und wie bekommst Du das alles unter einen Hut?
Ich habe es vorhin schon angedeutet: auch das hat mit meinen psycholytischen Erfahrungen zu tun. Ich hatte schon seit meiner frühesten Kindheit sehr viele Begabungen, doch sie waren nicht konform mit dem Wertesystem der Gesellschaft. Und so habe ich schon früh viele dieser Begabungen als unwichtig eingeschätzt. Ich habe dann BWL studiert und an der Uni abgeschlossen und dadurch die Fähigkeit gestärkt Geld zu verdienen. Alles Andere blieb dabei aber auf der Strecke. Glücklich hat es mich nicht gemacht, überhaupt nicht. In der psycholytischen Arbeit habe ich dann in vollem Ausmaß erlebt, was Kreativität eigentlich ist und was es für das Leben eines jeden Menschen bedeutet. Und ab da brach es dann wirklich aus mir heraus. Bis heute. Ich habe mir dann alles selbst angeeignet: viele YouTubeVideos, viel ausprobiert und vor allem viel riskiert. Kreativ zu sein ist immer auchdie Konfrontation mit der Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit. Mein Leben ist seither gut und erfüllt. Ich verdiene schon ein bisschen weniger Geld, als ich in früherenZeiten verdient habe, empfinde aber meine Tätigkeiten als so viel mehr befriedigender,als je zuvor.

Hast Du schon eine Idee zu einem nächsten Film oder machst Du jetzt erstmal Pause?
Nee, keine Pause. So viele Ideen und so wenig Lebenszeit übrig (lacht). Derzeit arbeite ich parallel an mehreren Projekten. So widme ich derzeit der www.Liesenfeld.media die meiste Aufmerksamkeit, weil ich mir wünsche, dass mich Menschen für spannende Filmprojekte buchen. Es gibt aber auch Ideen für weitere Non-Profit-Filme. Das finde ich auch sehr wichtig, weil ich da nur selbst verantwortlich bin für den Inhalt und Themen wählen kann, die nach meiner Einschätzung wichtig sind und eine Bereicherung für die Welt. Naja, und noch ein paar Projekte mehr, nicht zuletzt die www.liesenfeld.de, also die Seminararbeit, die mir auch sehr am Herzen liegt und mir auch finanziell viele meiner anderen Projekte ermöglicht.

Lieber Dirk, vielen Dank für das Interview!
Gerne. Vielen Dank für die spannenden Fragen.

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