Vom Recht, der Mensch zu werden, als der man eigentlich gemeint ist.

Vielleicht ist es ja nur ein Resultat der inneren „Verbogenheit“, die mir in meiner Familie widerfahren ist, vielleicht ist es aber auch ein viel tieferer Impuls, den ich in mir finde: Der Wunsch immer mehr der zu werden, als der ich eigentlich gemeint bin. Diese Suchbewegung, die ich in mir finde und die viel mehr Ausdruck von gefühlten Empfindungen als von Gedanken, Bildern und Überlegungen ist, ist eine starke Triebfeder in mir, um alte Wege zu verlassen, Neues zu wagen und zu wachsen. Meine erste Begegnung mit der Psycholyse geschah vor 12 Jahren im Rahmen einer klassischen tiefenpsychologisch fundierten Gesprächstherapie, als mir der Therapeut anbot, gemeinsam mit anderen Klienten ein Therapie-Wochenende mit einer psycholytischen Sitzung zu besuchen. Ich erinnere mich noch gut, wie sehr ich mich in meinem damaligen Leben eingesperrt fühlte: In meinem Beruf als Gemeindepfarrer, wo ich die „Passung“ zu diesem Lebensentwurf und zu den Glaubensinhalten verloren hatte; in meiner Ehe, in der wir uns nicht wirklich erreichten und begegneten; in meinem Körper, der sich wie von einem Eispanzer eingeschlossen anfühlte. Diese erste psycholytische Sitzung bewirkte auf allen drei Ebenen einen derart starken Aufbruch, dass es kein Halten mehr gab. Was mir während dieser ersten psycholytischen Sitzung passierte, war eine Mischung aus „Sehen“, was in meinem Leben vor sich ging, was stimmig und was unstimmig war, und „Fühlen“, wie es anders sein könnte: offener, ehrlicher, glücklicher, auch erotischer, eben mein Leben und nicht nur eine Aneinanderreihung von geprägten Mustern. Hinter diese Einsicht gab es kein Zurück mehr. Ein Jahr später verließ ich das Gemeindepfarramt nahm eine achtmonatige Auszeit, um mit dem Zelt durch Süd-Europa zu reisen, und entschied, mich von meiner ersten Frau zu trennen.

Anfangs meinte ich, dass nach zwei, drei Jahren des Umbruchs und der beruflichen Neuorientierung wieder Ruhe in mein Leben käme. Aber dem war nicht so. Es blieb ein Grundgefühl innerer Unruhe und des Nicht-Angekommen-Seins. Mein christlicher Glaube (der nie traditionell war, da ich aus einem unkirchlichen Elternhaus komme und kaum eine kirchliche Sozialisation hatte) löste sich immer mehr auf (wobei mir vor allem die Bücher von Willigis Jäger halfen). Ich besuchte schamanische Seminare, machte eine Visionssuche (Vision Quest) und begann, Zen zu praktizieren (Sitzen in der Stille). Da fiel mir Samuel Widmers Buch „Ins Herz der Dinge lauschen“ in die Hände, und nach der Lektüre war mir klar, dass ich den Autor und seine Arbeit persönlich kennenlernen wollte. Das Buch hatte etwas in mir berührt und eine Resonanz erzeugt, die mir sagte: Da geht es weiter.

Seit dem ersten Seminar im Frühjahr 2007 bei Danièle Nicolet und Samuel Widmer fühle ich mich diesen beiden Menschen als Lernender, als Schüler, und mit den Jahren immer mehr als Freund und Weggefährte verbunden. Und dem Weg, den sie lehren und den ich als meinen erkannt habe: Den tantrischen Weg des Erwachens, der die Psycholyse zuerst als therapeutisches Hilfsmittel, dann aber vor allem als spirituelles Hilfsmittel nutzt, um immer tiefer „Sehen“ zu lernen und die Liebe in die Welt zu bringen. Drei Bücher habe ich gemeinsam mit Danièle Nicolet und Samuel Widmer geschrieben und herausgegeben, in denen ich meine Suche, mein Verstehen-Wollen, mein Ringen mit dem Erwachen und auch meinen Dank und meine Zuneigung und Liebe zu ihnen ausdrücke.¹

Diese Bücher haben noch einmal eine eigene Geschichte und Bewegung in meinem Leben bewirkt. Ich habe mich von meinem Arbeitgeber Kirche getrennt und bin aus der Kirche ausgetreten; ich musste die Rücknahme meines Ausschlusses aus dem Berufsverband der Supervisoren mit Hilfe eines Rechtsanwaltes erstreiten; ich musste aushalten und akzeptieren, dass ich für meine pastoralpsychologischen Kollegen in der Funktion des Geschäftsführers untragbar geworden war und die Stelle deswegen verlor; ich bin vom vertrauten Oberschwaben weg in die Fremde nach Hessen gezogen, um dort eine neue (berufliche) Heimat als Berater in der Behindertenhilfe zu finden; und schließlich bin ich in eine Gemeinschaft von Freundinnen und Freunden gezogen, die dieses „Lebensgefühl“ mit mir teilen.

Was ist es, was ich erkannt habe, wofür ich mit meinem Leben gehe und wobei mir die Psycholyse eine unschätzbare Unterstützung und Hilfe war und ist?

Was die Welt im Innersten zusammenhält, ist die Liebe. Das ist keine kognitive Einsicht, sondern eine existentielle Empfindung, die ich fühlen kann. Sie bestimmt – so offen, wie ich dafür bin – mein Leben und Handeln, mein Denken und mein Fühlen, meine ethischen Entscheidungen oder meinen Umgang mit materiellen Gütern.

Die „Spiritualität der Liebe“ braucht keine heiligen Gebäude und Orte. Der gelebte Alltag ist ihr „Gottesdienst“ und meine Worte und Handlungen sind die „Liturgie“. Aber Liturgien (wie der tantrische Kreis) können eine sehr gute Unterstützung sein, um uns gegenseitig immer wieder dieses Weges der Liebe und unserer Gemeinschaft zu versichern.

In ihrem Kern sind Menschen Energiewesen. Es geht darum, immer mehr eine „freie Energie“ zu werden – das ist das, als was ich als „Mensch“ eigentlich gemeint bin. Dieser Weg (des Erwachens) hat zu Lebzeiten kein Ende. Schweigen, Lauschen und Schauen sind die wirkkräftigsten Formen der Meditation.

Ich erlebe mich eingebettet in den großen Zusammenhang auf der Erde (Gaia) – als einen kleinen Lebensorganismus neben Erde, Wasser, Wind, Feuer, Pflanzen, Tieren und anderen Menschen, wo ich den mir gemäßen Ort einnehmen will. Die erste Aufgabe ist es, das Leben zu fördern und zu schützen, und nur in dem absolut unumgänglichen Maße zu töten.

Die Gemeinschaft ist der Ort, an dem ich verbindlich mit anderen Menschen zusammenlebe. Ich bin auf andere Menschen, ihre Zuneigung und Liebe, ihre Unterstützung und ihre kritische Begleitung für ein glückliches und erfülltes Leben zutiefst angewiesen, und gleichzeitig geht es darum, ganz und gar alleine stehen zu können.

Sexualität ist die Urkraft des Lebens. Ein verantwortlicher Umgang mit ihr bringt mich immer wieder in Kontakt mit dieser elementaren Energie und mit den Menschen, mit denen ich sie teile.

Kunst, Musik, Tanz, Bewegung usw. sind für uns Menschen besondere Ausdrucksformen für unser Inneres, die uns selbst bereichern und andere beschenken.

Die Psycholyse ist ein Kind der Jahrtausende alten schamanischen Bewegungen auf der Erde. Keine Gesellschaft hat das Recht, einen verantwortlichen Umgang mit den bewusstseinserweiternden Kräften der Natur zu verbieten und zu sanktionieren. Vielmehr müssen diese von erfahrenen Frauen und Männern gelehrt und weitergegeben werden.

Martin Jochheim (57), Psychol. Berater, Supervisor, Theologe


¹ HerzKrieger. Samuel Widmer im Gespräch mit Martin Jochheim. Überlegungen zu Leben und Tod, Liebe und Einsamkeit, Freiheit und Ordnung, Sexualität und Eifersucht, Gemeinschaft und Alleinestehen. Herausgegeben von Martin Jochheim. Carouge / Genève 2010; Über Erwachen, Religion und Spiritualität oder über die Liebe. Briefe unter Freundinnen und Freunden für Existenzsucherinnen und –sucher. Gießen 2013; HerzensWege. Ein Samuel-Widmer-Lesebuch. Texte von Samuel Widmer Nicolet, ausgewählt, herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von Martin Jochheim, mit einem Nachwort von Danièle Nicolet Widmer. Carouge / Genève 2014

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