Vom wieder fühlen lernen

Mit 15 begann ich damit, mir den Finger in den Hals zu stecken (Bulimie). Schwer essgestört, mit einem permanenten Gefühl, falsch zu sein und auf verzweifelter Suche nach mir selbst und einem Sinn im Leben, so war ich lange unterwegs. Mit 25 besuchte ich auf wärmste Empfehlung meiner Schwester ein Seminar von Samuel Widmer und Danièle Nicolet. Was ich dort fand, war ein nie zuvor gekanntes Gefühl von Heimkommen, von gesehen werden. Ich fühlte Wahrhaftigkeit und Liebe. In mir entstand eine klare Absicht, genau dorthin zu wollen, nämlich in die Kirschblütengemeinschaft, in der ich seit 11 Jahren lebe. Mit 26 hörte ich von einem auf den anderen Tag mit dem Kotzen auf. Mir war, zumindest ansatzweise, bewusst geworden, dass es nicht um Probleme mit meinem Körper und Gewicht ging, damit hatte ich mich bisher hauptsächlich beschäftigt, sondern um Gefühle verschiedenster Art, die ich schlichtweg nicht fühlen wollte. Ausserdem hatte ich bis dahin darauf bestanden, ein Opfer (meiner Familiengeschichte) zu sein. Die beiden vorher besuchten Gesprächstherapien hatten mich in dieser Haltung unterstützt.

Grosses Glück hatte ich, die Psycholyse kennen zu lernen und mit Hilfe erfahrener und verantwortungsvoller Therapeuten nach und nach an meine echten Gefühle heranzukommen. Durch jahrelanges, vorsichtiges Herantasten wurde ich mir darüber bewusst, dass ich eigentlich permanent mit mir und genauso mit dem Leben, wie immer es sich gerade gestaltete, im Widerstand und Konflikt war. Mich, meine Gefühle und die der anderen ständig zu kontrollieren versuchte und grosse Angst vor der in mir tief vergrabenen, im Grunde unkontrollierbaren Lust und Lebendigkeit hatte. Ich lernte, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen und die Opferrolle aufzugeben. Vor allem durfte ich die Erfahrung machen, dass auch schwierige Gefühle aushaltbar sind und es durchaus jedem Menschen zuzumuten ist, zu fühlen. Auch, dass es sich nicht immer einfach und angenehm anfühlen muss. Ausserdem wurde ich empfänglich dafür, zu sehen, dass ich mich bisher sehr egozentrisch durchs Leben bewegt hatte, also tatsächlich oft keine Freude, sondern eine Belastung für andere gewesen war. Viele meiner Verhaltensmuster waren aus Abwehr von ungewollten Gefühlen entstanden.

Die psycholytischen Heilmittel haben mich tatsächlich mit meinem Innersten in Kontakt gebracht und haben mir überhaupt erst ermöglicht, empfänglich zu werden für das Mysterium und Wunder des Lebens an sich. Sie waren mir der Schlüssel zu meinen abgespaltenen und verdrängten Gefühlen und haben mich geöffnet für Gemeinschaft und Tantra – und einfach glücklich zu sein. Wichtig ist es mir dennoch, auszudrücken, dass ich die Psycholyse nicht als Allheilmittel sehe. Ich habe diese Therapieform und verschiedene Substanzen als etwas sehr Berührendes, Heiliges, Öffnendes und Offenlegendes erlebt. Und gleichzeitig braucht es enorm viel Disziplin und eine klare Entscheidung, Dinge, die man über sich selbst erkannt hat, im Leben umzusetzen. Man kann die Substanzen auch durchaus missbrauchen, z. B. um einfach ab und zu besondere Seinszustände zu erleben. Oder man kann sich ihrer Wirkung durch starken eigenen Widerstand entgegen stellen.

Zuletzt möchte ich an dieser Stelle noch meinen tiefsten Dank aussprechen. Endlich einmal an meine Eltern, dass ihr mir das Leben geschenkt habt. Samuel und Danièle für eure unendliche Liebe und Geduld, ebenso Rupert und Fabrizia. Meinem Mann Kaspar für unsere wunderbaren Kinder und deine unerschütterliche Liebe und Begleitung, die du mir seit Jahren schenkst; und den Menschen -und besonders meinen Freunden- der Kirschblütengemeinschaft, dass ihr das Leben mit mir teilt.

Veronika Jackenkroll Frei (42), Mutter von bald 3 Kindern, Hausfrau, Schneidermeisterin und Kirschblüte

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