Mein Weg in der Psycholyse – Gedanken und Einsichten

 … von der Heilung zur Tiefe des Seins

Ich hatte bereits manches versucht. Nach der Trennung meiner Ehe im Jahr 1992, zu der ich den Schritt getan hatte, um mich selbst nicht zu verraten, wie ich es damals empfand, spürte ich bald, dass „normale Psychotherapie“ (als tiefenpsychologische Gesprächstherapie und Trennungsbegleitung) mir nicht viel weiter helfen konnte. Ich nutzte die Gesprächstherapie als Coaching und Reflexion, schrieb auch intensiv Tagebuch. Vom Kopf her war mir vieles klar, hatte ich im Studium doch auch Psychologie studiert. Ich hatte wenig Gefühl für meinen Körper, überhaupt war mein Ausdruck von Gefühlen gehemmt und gestört. Intuitiv spürte ich, dass nur eine Art Körperarbeit mir dabei weiter helfen könnte. Ich wählte die Form von Selbsterfahrung Jahresguppen mit atemtherapeutischem Schwerpunkt und anderen körperbezogenen Übungen. In manchem kam ich weiter und tiefer, z.B. in der Entwicklung meines Körpergefühls und bei der Bearbeitung und dem Nacherleben meines Geburtstraumas; manchmal hatte ich auch den Eindruck therapieresistent zu sein, das sichere Gefühl über einen bestimmten Punkt nicht hinaus zu kommen. Nach der letzten Jahresgruppe entschloss ich mich zu einer atemtherapeutischen Ausbildung und Ausbildung zum Meditationslehrer.

Kurz vor Ende der Ausbildungszeit wurde ich 1997 mit der ersten psycholytischen Sitzung konfrontiert. Diese Erfahrung war so berührend und öffnend, dass mir sofort und mit einem Mal klar war: „Da geht es lang; wenn dich eines weiter und tiefer öffnen kann, dann dies!“ So begann mein Weg in der Psycholyse.

„Von der Heilung zur Tiefe des Seins“, habe ich den Untertitel genannt. Zunächst stand mehr das Persönliche im Vordergrund, also die Bearbeitung meiner tiefen Ängste und der Themen, die mich so lange am vollen Leben gehindert hatten. Die ganze Tiefe, Panik und Ausweglosigkeit meiner geburtstraumatischen Erfahrung, die Wiederholungen der Trennungen, die letztlich zu einer Erstarrung meiner Gefühle und zu Hemmungen in meinem Ausdruck geführt hatten, mein Mama – Thema darin und in meinen Liebes – Beziehungen, Trennungen (als erwachsener Mann!) als lebensbedrohlich zu erfahren, meine Verwicklungen in die nicht bearbeiteten Traumata meiner beider Eltern in der zweiten Täter – Generation des Nationalsozialismus, ihnen verzeihen können, meine Ängste, aber auch meinen Mut und meinen unbedingten Willen zum Leben kennen zu lernen bis in mein Allerinnerstes, mit der ganzen Wucht von Einsamkeits – Erfahrung, von Allein-Sein und Stille.

Und noch eine Erfahrung war dabei sehr eindrücklich und ist es immer wieder bis heute noch: Wenn ich meinen Widerstand aufgebe, dann liebe ich, dann bin ich mit der Liebe verbunden; denn mein Widerstand hindert mich daran, Dich zu lieben ; er stellt immer etwas dazwischen, hat immer einen Einwand gegen die Liebe, einen Vorbehalt, warum es nicht jetzt, nicht hier, nicht mit Dir, … und überhaupt … nicht geht.   –   So hatte ich mir also noch etwas vorgenommen für meinen Heilungsprozess: meine Liebesfähigkeit zu entwickeln, fähig zu werden, wirklich lieben zu können und zu lernen, was Unverbrüchlichkeit darin heißt, und dass Liebe für immer ist. Das Allein-Stehen-Können, mein Allein-Stehen können ist für mich darin eine wichtige Übung, bis heute. Wenn ich beginne zu lieben, mich zu lieben und Dich zu lieben, das Leben zu lieben, fängt mein eigener Prozess der Heilung an.

Bald kamen auch spirituelle Erfahrungen in meine psycholytischen Sitzungen, nicht planbar, nicht machbar, nicht vorhersehbar, aber unübersehbar, einmal in die tiefsten Tiefen meines eigenen Seins, in mein Allerinnerstes, wo dann letztlich nichts mehr ist, und in eine unendliche Weite in den Kosmos hinaus, ins Allumfassende, ins Licht,   … ins Alles – In – Eins – Sein, in die Stille. Doch diese spirituelle Dimension sei hier nur kurz erwähnt; sie braucht mehr Raum zur Betrachtung an anderer Stelle. Weil die Dimension der Spiritualität unbedingt mit dazu gehört, darf sie hier nicht unerwähnt bleiben.

Bin ich jetzt geheilt? Die meisten meiner lebensbiografischen Themen habe ich bearbeitet; ich bin den von ihnen ausgehenden Ängsten und Blockaden nicht mehr hilflos ausgeliefert. Manchmal nehme ich sie noch wahr, habe aber einen bewussten Umgang mit ihnen gefunden. Eine vollständige Dekonditionierung ist nicht erreicht, vieles ist eben auch tief in den Strukturen meiner Zellen verankert. und manchmal gibt es auch Rückfälle, die ich mir verzeihen kann.

In vieler Hinsicht bin ich deutlich empfindsamer geworden, sensibler und verletzlicher. Eine Konsequenz war, dass mein Körper und meine Seele sich z.B. mit Burn-out-Symptomen meldeten als deutlicher Hinweis, bestimmte Dinge in meinem Leben und in meinem Beruf zu ändern. Macht Psycholyse also krank? Nein, aber sie deckt im Laufe der Zeit auf, was bisher verborgen blieb oder nicht da sein durfte, wenn und insoweit ich bereit für eine solche Öffnung bin. Was es braucht, ist auch diese Zeichen zu verstehen und einen angemessenen, mir, meinem Körper und meiner Seele angemessenen Umgang damit zu finden. Heilung in der Psycholyse ist also für mich ein nicht abgeschlossener Prozess, ein Prozess schmerzlicher, aber auch sehr wunderbarer Erfahrungen. Gibt es nicht immer wieder etwas bisher noch verborgenes in uns zu finden, was der Heilung bedarf ?

Ich stehe anders im Leben als vorher: klarer, bewusster, wahr-nehmender, selbst-ständiger. Über dieses Glück und meine unverbrüchliche Absicht der Liebe zu folgen und dem Leben zu dienen bin ich sehr dankbar. Dafür will ich mein Bestes tun, mich in Makellosigkeit übend durch alles Scheitern hindurch mein Leben leben.  Für mich ist es immer wieder die Liebe, die heilt, die wirklich heilt, die mich heilt.

Volker Warmbt (64), Studienrat a.D., Theologe und psychologischer Berater

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